Smartphone-Terror in den Klassenzimmern

Siegen-Wittgenstein.  Jeder vierte bis fünfte Jugendliche ist schon einmal Opfer von Cybermobbing geworden. „Ein allgegenwärtiges Thema mit großer Brisanz“, sagt Kriminalhauptkommissarin Susanne Bald, Kommissariat Kriminalprävention und Opferschutz der Kreispolizeibehörde: „Cybergewalt eskaliert.“

Genaue Zahlen gibt es nicht, Beschimpfungen in den Tiefen des Internets kommen nur selten ans Licht, Betroffene leiden still. „Das ist in den letzten Jahren kräftig angestiegen“, sagt auch Christel Müller-Spandick von der Landespräventionsstelle gegen Gewalt und Cybergewalt an Schulen in Nordrhein-Westfalen. Betroffene würden immer jünger, inzwischen gebe es das Problem auch an Grundschulen.

1. Es braucht Umgangsformen im Netz. Susanne Bald: „Das ist uns nicht in die Wiege gelegt, das muss man lernen.“ Auch im Internet sei ein Minimum an Anstand nötig. Aber es erleichtert sogenannte destruktive Verhaltensweisen: „Es handelt sich um unkontrollierte Sozialräume, die nicht moderiert werden und in denen sich die Jugendlichen gegenseitig durch die Gegend scheuchen.“ Die digitale Technik erleichtere das: Die scheinbare Anonymität biete ein Gefühl der Sicherheit. Dem Aggressor bleibt die unmittelbare, auch nonverbale Reaktion seines Gegenüber verborgen.


2. Die Empathiefähigkeit geht immer weiter verloren. Im Internet sind junge Menschen mit Dingen konfrontiert, die sie verrohen lassen. Manche Dinge könne ein junger Mensch nicht einordnen – die Inhalte hinterließen aber Spuren, so die Kommissarin. „In unserem Umgang mit Schülern stellen wir einen Rückgang des Empathievermögens fest“, sagt Bald. Das muss sich erst entwickeln, auch im Digitalen. Eigentlich simpel: „Schreib nichts, was du anderen nicht auch ins Gesicht sagen würdest.“

3. Es gibt keine klaren Täter und Opfer mehr. Es ist nicht möglich, durch ein bestimmtes Verhalten dem Phänomen Cybermobbing sicher zu entgehen, heißt es im Konzept gegen Cybergewalt an Schulen der Landespräventionsstelle. Jeder kann jederzeit Opfer werden. In gewisser Weise ist diese Form des Mobbings demokratischer geworden: Es ist ein Leichtes geworden, jemand Anderem den schwarzen Peter zuzuschieben, ein Opfer kann schnell selbst zum Täter werden; Motto: „Hauptsache es trifft mich nicht mehr.“ Häufig sind es Opfer konventionellen Mobbings, die Cybermobbing-Täter werden. Motive: Langeweile, Rache und Spaß. „Im Grunde“, sagt Susanne Bald, „ist das normales Verhalten Pubertierender – im Rahmen einer veränderten Normalität.“

4. Das Smartphone ist allgegenwärtig. WhatsApp-Gruppen mit hunderten Mitgliedern sind keine Seltenheit, „völlig unkontrollierbar“, sagt Bald, „keiner liest richtig, was der andere schreibt, jeder schießt aus der Hüfte – wie ein Holzhaufen, in den jederzeit ein brennendes Streichholz fallen kann“, sagt Bald. Keiner kann es sich leisten, etwas zu verpassen, der Druck, jederzeit online zu sein, ist hoch. Sobald dann jemand einen Aufhänger biete, falle die Meute darüber her, stelle das Opfer an den digitalen Pranger. Beispiel Sexting: Taucht etwa ein Nacktbild eines Mädchens auf, kann sie der Mob binnen Stunden zugrunde richten, „das hängt ihr ewig nach“, sagt Bald.

5. Problem erkannt – Problem gebannt. Mobbing findet, auch im Netz, längerfristig statt – und verdeckt. „Wo Transparenz hergestellt wird, ist das Problem nahe der Lösung“, sagt Bald. Es gebe gute Strategien, zusammen mit Eltern, Beratungslehrern, Schulpsychologen, den Kreislauf zu durchbrechen – nur muss das Mobbingopfer als solches zunächst erkannt werden. „Das Opfer nimmt fälschlicherweise an, dass es sich bessert, wenn es sich nur tief genug eingräbt“, sagt Bald. Viele litten jahrelang, immer massiver – erkennbar nur an sogenannten unspezifischen Signalen: Bauchweh, Schulverweigerung, Bettnässen, Ritzen. Das Problem list nicht die Bekämpfung von Cybermobbing, sondern es überhaupt sichtbar zu machen. Der beste Schutz vor Sucht- und destruktivem Verhalten, das zeige laut Bald die Grundlagenforschung, sei Selbstregulation und -reflexion. „Wir müssen unsere Kinder in diesem Bereich gründlicher erziehen“, fordert Susanne Bald: „Erwachsene sind oft selbst kein gutes Beispiel.“


6. Die Polizei hat durchaus eine Handhabe. Es gibt kein Gesetz gegen Cybermobbing, aber damit einher gehen andere Delikte: Verletzung des persönlichen Lebensbereichs, Beleidigung, Verleumdung, üble Nachrede.

Ermittlungen setzen allerdings voraus, dass sich Opfer, Eltern, Freunde oder Beratungslehrer bei der Kripo melden. „Wer etwas der Polizei erzählt, erstattet Anzeige“, so Bald. Und: Die Polizei kann bei begründetem Verdacht Smartphones einkassieren. Für nicht wenige Jugendliche die Höchststrafe.

 
 

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