Mit viel Geduld das Hören neu erlernen

Kreis Olpe..  Musik und Tanz waren für sie immer wichtig. Dann kam der Tag, an dem Ricarda Wagner einen Hörsturz erlitt. Ursache war, so vermutet sie, Stress. In der Folge ertaubte sie zuerst auf dem linken Ohr und später auch rechts. Dabei hatte sie vorher „immer perfekt gehört“.

Ricarda Wagner ist Sprecherin der Selbsthilfegruppe Cochlea-Implantate Südwestfalen und kann heute wieder hören. Die Gruppe hat weit mehr als 100 Mitglieder, 30 bis 40 von ihnen kommen zu den regelmäßigen Treffen.

Noch wichtiger allerdings sind der Kreuztalerin all jene, die kurz vor der Implantation stehen. Auch ihnen kann die Gruppe wertvolle Tipps mit auf den Weg geben. Denn mit der Implantation allein ist es nicht getan. Danach brauche man „Geduld, Geduld, Geduld“, weiß Ricarda Wagner aus eigener Erfahrung. „Man lernt das Hören neu“, sagt sie und erklärt, dass das Implantat nach und nach auf die Bedürfnisse des Trägers abgestimmt werden muss und es sich am Anfang anhören kann, als wäre man „unter Wasser“.

In die Arbeit gestürzt

Ganz andere Erfahrungen machte sie während der fünf Monate, in denen sie nichts hörte. „Da habe ich gemerkt, wie andere Menschen mit Gehörlosen umgehen“, ärgert sie sich, dass „Gehörlose oft wie Deppen behandelt werden.“

Deshalb fordert sie in der Gruppe immer dazu auf, offen mit diesem Handicap umzugehen, Mitmenschen auf die speziellen Anforderungen bei Gesprächen oder auch im täglichen Umgang miteinander aufmerksam zu machen.

Vielleicht waren diese Erfahrungen auch eine Triebfeder, die Leitung der Gruppe zu übernehmen. Auf die Idee habe sie ein Hörgeräte-Akustiker gebracht. So ließ sie sich zum CI-Berater ausbilden und stürzte sich in die Arbeit. Mittlerweile gibt es in der Gruppe auch Ansprechpartner für jüngere Betroffene; eine Kindergruppe wurde ebenfalls ins Leben gerufen.

Kinder können schon kurze Zeit nach der Geburt ein Cochlea-Implantat bekommen, bis zum achten Lebensjahr sollte die Implantation auf jeden Fall erfolgt sein, macht Ricarda Wagner auf die Bedeutung des Hörens auch für das Erlernen der Sprache aufmerksam.

Bei der OP wird der Empfänger des CI hinter dem Ohr unter die Haut implantiert. Er ist mit einer Elektrode verbunden, die in die Schnecke (Cochlea ) des Innenohrs eingeführt wird. Die äußeren Teile bestehen aus Mikrofon, Sender und Sprachprozessor. Das CI-System wandelt akustische Signale in elektrische Impulse um und stimuliert den Hörnerv.

Viele Hürden

Längst nicht alle Mitglieder der Selbsthilfegruppe sind von Geburt an taub. Die meisten verlieren das Gehör in höherem Alter. Und wenn ein Hörgerät nicht mehr ausreicht, steht irgendwann die Frage nach einem Implantat im Raum. Bei der Überwindung der Hürden vor und nach der Operation bietet die Gruppe jede Menge Hilfestellung – geprägt von den persönlichen Erfahrungen. „Im Internet findet man zu diesem Thema viel Unsinn“, rät sie gerade auch jungen Leuten, die sich oft lieber im Netz informieren, den Erfahrungsschatz der Gruppe zu nutzen, der weit über die Implantation hinaus reicht und auch Themen wie Mobbing am Arbeitsplatz oder psychotherapeutische Behandlung umfasst.

Die Treffen der Gruppe finden zwar in Kreuztal statt, doch eine ganze Reihe der Mitglieder kommt aus dem Kreis Olpe. Ella Sieler zum Beispiel. Die Wendenerin habe sich sehr intensiv für Induktionsschleifen im Rathaus eingesetzt, freut sich Ricarda Wagner über Unterstützung.

Heute ist die Gruppensprecherin richtig fit im Umgang mit dem Implantat, das mit einer Fernbedienung zum Beispiel auf die jeweilige Umgebungslautstärke eingestellt werden kann. Auch Musik hören ist für Ricarda Wagner längst wieder möglich.

Ausgefeilte Technik

Das Cochlea-Implantat besteht aus einem Mikrofon, einem digitalen Sprachprozessor, einer Sendespule mit Magnet und dem eigentlichen Implantat, das sich aus einem weiteren Magneten, einer Empfangsspule, dem Stimulator und dem Elektrodenträger mit den Stimulationselektroden zusammensetzt. Die Empfangsspule wird hinter dem Ohr unter der Haut platziert. Die Sendespule des Prozessors haftet mit Hilfe der Magneten auf der Kopfhaut über der Empfangsspule des Implantats.

 
 

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