Limburger Bischof nicht allein zum Thema machen - Professor Halbfas im Gespräch

Josef Schmidt
Prof. Dr. Hubertus Halbfas im Interview mit der Funke Mediengruppe.
Prof. Dr. Hubertus Halbfas im Interview mit der Funke Mediengruppe.
Foto: WP
Der Fall des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst medial hohe Wellen. Und in einer Zeit, in der auch durch den neuen Papst Franziskus wieder an Glaubwürdigkeit gewonnen hat. Wir sprachen mit Drolshagener Theologie-Professor Hubertus Halbfas.

Drolshagen. Nutzen Sie die Möglichkeit, am Ende dieses Artikels ihre persönliche Meinung in einem Kommentar mitzuteilen.

Kaum hatte sich die katholische Kirche von den Missbrauchsskandalen erholt und nicht zuletzt durch den neuen Papst Franziskus Glaubwürdigkeit zurückgewonnen, schlägt der Fall des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst medial hohe Wellen.

Die Folge: Massenhaft Proteste und Kirchenaustritte. Wir hatten Gelegenheit, mit dem Drolshagener Theologie-Professor Hubertus Halbfas über den Fall des Bischofs, aber auch über die grundsätzliche Situation der katholischen Kirche zu sprechen.

Der Limburger Bischof sorgt für eine gewaltige öffentliche Reaktion. Was führt aus Ihrer Sicht gerade bei diesem Fall zu dem extrem großen öffentlichen Interesse?

Halbfas: Die gesamte Presse hat sich auf diesen Fall gestürzt und misst dem eine Bedeutung bei, wie dies bei derartigen Provinzvorgängen noch nie geschehen ist. Es liegt vielleicht auch daran, dass es sich hier um das Verhalten eines Bischofs handelt, das man bisher mit diesem Amt nicht verknüpft hat. Ihm werden Unehrlichkeit und Falschaussagen vorgeworfen, und es kommen natürlich die durch die Massenpresse geschürten Momente hinzu, dass er für seinen eigenen Luxus jede Menge Aufwand getrieben und teuerstes Material aus dem Ausland beschafft hat, etwa die ominöse Badewanne.

Die Schätzungen reichen von 3000 bis 15.000 Euro.

Halbfas: Ich möchte hier gar nicht spekulieren. Ich finde auch nicht, dass der Bischof alleine hier zum Thema gemacht werden darf, weil das, was am Fall Tebartz-van Elst zur Sprache kommt, über die Person des Bischofs hinausgeht und grundsätzliche Fragen aufwirft.

Es geht natürlich auch um die gesamte Kirchenstruktur. Tebartz-van Elst kommt dem Bild eines Priesters so gar nicht nahe, das vermutlich der neue Papst vor Augen hat.

Gewiss gibt Papst Franziskus dem Geschehen einen besonders brisanten Hintergrund. Vielleicht wäre ohne das vom Papst geschärfte Bewusstsein für Armut und Einfachheit eine solche Brisanz nicht entstanden. Aber zunächst bleibt festzustellen, dass der Bischof nicht alleine zu beschuldigen ist. Hier hat eine ganze Struktur, die die Vermögensaufsicht wahrzunehmen hat, versagt.

Glaubenstreue und Lebensführung

Hinter dem Bischof Tebartz-van Elst stehen auch Förderer. Niemand wird mal so eben Bischof. Wie ist dieser Hintergrund einzuordnen?

Wenigstens seit einem viertel Jahrhundert werden genaue Recherchen über mögliche Bischofskandidaten betrieben. Auskunftsfähige Personen innerhalb der Kirche werden über die Glaubenstreue und Lebensführung denkbarer Kandidaten befragt. Differenzierte Fragebögen sieben die verlässlichsten Männer aus. Dabei geht es um Systemtreue und die Übereinstimmung mit römischen Standards - vor allem in der Sexualmoral, aber auch um linientreues, dogmatisches Denken und um Berechenbarkeit.

Daraus resultiert, dass nur der als Bischof in Frage kommt, der solche Qualitäten garantiert. Daraus resultiert aber auch, dass es keinen Bischof mehr gibt, der in der Lage wäre, mit den Intellektuellen der Gesellschaft in einen Dialog auf Augenhöhe zu treten. Natürlich muss nicht jeder Bischof an diesem Anspruch gemessen werden, aber unter ihnen sollte es wenigstens einige geben, die einem solchen Anspruch gerecht werden. Andernfalls ist ein bestimmtes Mittelmaß, das für die kirchlichen Vorstellungen als geboten und verlässlich erscheint, unser Schicksal.

Wer steht hinter Tebartz-van-Elst?

Solange er nicht auffällig war, wurde gesagt, dass der Erzbischof von Köln, Kardinal Meissner, ihn favorisiere. Kirchliche Kreise sprachen von Tebartz-van Elst sogar als denkbarem Nachfolger auf dem Kölner Bischofsstuhl.

Signale von Papst Franziskus überraschend neu

Dann ist den Kölnern vermutlich ja einiges erspart geblieben.

Die Frage hat sich erledigt.

Der Kirche kritisch gegenüberstehende Laienorganisationen fordern seit vielen Jahren Reformen: Fall des Zölibats, Priestertum für Frauen, Verständnis für Homosexuelle, demokratische Strukturen, mehr Evangelium, weniger Machthunger und Besitz der Amtskirche. Wird Papst Franziskus die Hoffnungen erfüllen, wenigstens teilweise?

Alle Signale, die bisher von Papst Franziskus ausgingen, waren überraschend neu und lassen Kurskorrekturen erwarten. Aber zugleich darf nicht alles immer nur von Rom erwartet werden. Die inzwischen fest etablierte Romhörigkeit dient nicht der Kirche. Die notwendigen Reformen müssen auch von den Bischöfen und dem Klerus mitgetragen werden. Gerade die Bischöfe haben, offenbar auch wegen des vorhin erwähnten Auswahlprinzips, offensichtlich nicht den Schneid, den Reformstau anzugehen. Sie sind beratungsresistent. Sie setzen sich nicht wirklich offen mit anstehenden Fragestellungen auseinander. Es gibt Realitätsverweigerung, Wissenschaftsfeindlichkeit, geringe theologische Kompetenz, Autoritätsgehabe. All das lähmt das kirchliche Leben.

Warum hat die katholische Kirche nach dem 2. Vatikanischen Konzil und nach Papst Johannes XXIII. nicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen?

Halbfas: Das Konzil hat neue theologische Perspektiven entworfen und große Hoffnungen geweckt. Aber Papst Paul VI. war vorsichtig und vielleicht ängstlich. Gewiss wirkt sich das System im Vatikan auch bremsend aus. Johannes Paul II., ein Papst mit einer unendlich langen Amtszeit, war theologisch wohl im polnischen Bewusstsein zu Hause und, wie mir scheint, von Joseph Ratzinger theologisch abhängig. So politisch aufmerksam und gewandt Johannes Paul II. auch war, seine Personalpolitik war restriktiv. Das Bischofskollegium ist in diesen Jahrzehnten konservativ homogener, nicht aber kreativer geworden. Die Theologie der Befreiung wurde massiv abgewürgt. Ich denke aber, dass Papst Franziskus von dieser Theologie der Befreiung beeinflusst worden ist und Kurskorrekturen betreiben wird.

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Hubertus Halbfas über eine Kirche der Armen für für die Armen 

Noch einmal zurück zur gegenwärtigen Problematik: Könnte die Kirche überhaupt eine Kirche der Armen für die Armen werden, ohne daran völlig zu zerbrechen?

Im Blick auf den Fall Limburg ist einiges auseinander zu halten. Zunächst ist die Kirche in ihrer Geschichte als Bauherr nie sparsam gewesen. Sie hat immer in einem großzügigen, um nicht zu sagen, verschwenderischen Stil kostspielige Bauvorhaben realisiert. Sonst gäbe es keinen Kölner Dom oder die Würzburger Residenz - und viele andere Bauten nicht, die heute als Weltkulturerbe gelten. Darüber sind Gläubige wie Nichtgläubige heute noch glücklich. Und es scheint, dass die Limburger Maßstäbe an dieser Tradition orientiert waren. Das Problem des Limburger Projektes war und ist es, dass sich mit einem öffentlichen Bauvorhaben private Luxusansprüche vermischt haben. Grundsätzlich sollten Kirchen aber schon in ihrer baulichen Gestalt die höchsten ästhetischen Ansprüche ihrer Zeit erfüllen. Es ist schlimm genug, dass viele Kirchen im Kreis Olpe kein hohes ästhetisches Niveau haben, mit negativen Folgen.

Wenn Franziskus aber der Papst der Armen sein will, müsste er etwas verändern in dieser Richtung. Kann die Kirche Armut leben?

Halbfas: Ich kann mich an eine Weihnachtspredigt von Franz Kamphaus, dem Vorgänger von Tebartz, erinnern. Sein Thema war: Der Stall, die Futterkrippe und der prächtige Limburger Dom. Wie ist diese Spannung auszuhalten? Bischof Kamphaus ist diese Problematik bewusst gewesen. Er hat in seiner privaten Situation zwar überhaupt keine Ansprüche gestellt, er hat aber einen Dom gepflegt, der in seiner Innenraumgestaltung Einfachheit mit Eleganz verbindet. Dieser Dom ist für jedermann eine wunderbare Erfahrung, mag man nun gläubig sein oder nicht. Wer die Lahn ein paar Kilometer flussabwärts fährt, kommt zur romanischen Klosterkirche Arnstein. Dort ist die Zeit stehen geblieben. Da guckt der Kitsch und der Muff aus allen Ecken heraus. Da könnte man ruhig mehr Geld investieren - verbunden mit Stilgefühl und einer niveauvollen Spiritualität. Religion hat immer mit Schönheit zu tun.

Auch mit äußerer Schönheit?

Ja natürlich. So ist es nicht allein im Christentum, sondern auch in anderen Religionen. Schönheit meint die Übereinstimmung von Inhalt und Form. Wenn es um Gottesdienst geht, ist Ästhetik kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Viele laufen heute aus den Kirchen oder kommen erst gar nicht herein, weil eine unsensible Sprache, nicht mehr stimmige Texte und ein verkitschter Raum sie daraus vertreiben. Darum sind teure Architekten, falls es die besten sind, auch die richtigen.

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Hubertus Halbfas über die Situation der pastoralen Räume 

Werfen wir einen Blick auf die Situation hier vor Ort. Die pastoralen Räume werden immer größer, weniger Pfarrer, die immer mehr zu Pastoral-Managern werden, statt Seelsorge betreiben zu können. Gibt es einen Lösungsansatz aus diesem Dilemma?

Es gibt Lösungen, aber sie werden innerhalb des kirchlichen Systems nicht akzeptiert.

Kreative Beteiligung wichtiger als bürokratische Effizienz

Welche?

Wenn Pfarrgemeinden auch künftig nur von zölibatären Priestern geleitet werden sollen, so dass sie, bezogen auf den Kreis Olpe, nur noch in Olpe, Attendorn und Lennestadt angetroffen werden, ist das Ende der Kirche besiegelt. Es sollte gelten: Nähe geht vor räumliche Weite. Kreative Beteiligung ist wichtiger als bürokratische Effizienz. Die Gemeinden müssen nicht nur bestehen bleiben. Es sollten sich sogar neue Gemeinden bilden, wenn Menschen sich dafür mit eigenem Engagement entscheiden. ,Wenn man befürchtet, dass die Laien nicht zum pastoralen Handeln fähig sind, warum firmt man sie dann?’, fragte der Erzbischof von Poitiers, Albert Rouet.

Dort werden in jeder örtlichen Gemeinde alle Sonntage Gottesdienste gefeiert, die die Laien gestalten. Für deren Anleitung müssten der Bischof von Paderborn und der noch vorhandene Klerus im Sauerland vordringlich sorgen. Keine Dorfkirche im Bistum Poitiers bleibt geschlossen mit dem Hinweis, die nächste Heilige Messe finde zehn Kilometer entfernt statt. Für einen solchen Kurswechsel wird jedoch die Zeit knapp.

Davor hat man aber vermutlich Angst.

Das hat man. So gering die Zahl der Priester ist und je weniger sie werden, desto weniger sind sie in der Lage, alle Fäden in der Hand zu halten.

Warum fällt es der Kirche so schwer, ein Kirchengesetz wie den Zölibat aus dem 11. Jahrhundert im 21. Jahrhundert zu korrigieren?

Es herrscht in der gesamten Struktur eine lähmende Immobilität. Viele Dinge spielen da hinein. Gewiss auch eine Machtfrage. Zölibatäre Priester sind leichter zu dirigieren als verheiratete Familienväter. Vielleicht steht im Hintergrund auch die Angst vor scheiternden Ehen, die es dann geben würde.

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Hubertus Halbfas - Ist die Kirche noch zu retten? 

Ist die Kirche überhaupt noch zu retten?

Sie wird einen Umbau erfahren, der momentan in seinen Ausmaßen kaum vorstellbar ist. Es wird aber schneller gehen, als angenommen. Derzeit betrifft die Krise noch nicht die gesamte Weltkirche. In Kontinenten, in denen sich der Dienst in der Kirche noch mit einem sozialen Aufstieg verbindet, gibt es zunächst keinen Priestermangel. Aber auch diese Länder werden sich unserer Entwicklung eines Tages nicht entziehen können.

Ist der westliche Kapitalismus der Totengräber der Kirche?

Nein.

War es der Kommunismus?

Auch nicht. Solche Gegnerschaften sind allenfalls eine Herausforderung, das eigene Profil zu schärfen. Es ist vielmehr das Versagen der Kirche, sich auf die geistesgeschichtlichen Prozesse der westlichen Welt nicht hinreichend eingelassen zu haben. Die etwa ab 1750 entstandene deutsche Literatur ist nicht mehr kirchlich geprägt, weil die Kirche die von ihr ausgehenden Herausforderungen nicht mehr angenommen hat. Auch das Gespräch mit der Religionskritik des 19. Jahrhunderts hätte zu anderen Ergebnissen führen können, wenn es nicht von lauter Abwehr bestimmt geblieben wäre.

Das war also aus Ihrer Sicht der Beginn des Weges in die verkehrte Richtung.

Ja. Eine lebendige, positive Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst, Literatur, Philosophie und wissenschaftlichem Fortschritt ist das Allerwichtigste. Selbst der Atheismus kann eine wesentliche Hilfe sein zur Schärfung des eigenen Glaubensbewusstseins.

Im Umkehrschluss: Die Kirche der Zukunft wäre eine Kirche, die sich permanent mit ihrem Umfeld kritisch auseinandersetzt?

Ja, die kein Gespräch aufkündigt oder es aus geistiger Schwäche nicht mehr führen kann.

Wann wird es die erste Päpstin geben?

Das ist nicht wichtig.

Angenommen, Sie wären Papst, welche Dinge würden Sie als erste verändern?

Wissen Sie ’was: Ich kann mir diese Rolle nicht einmal in der Fantasie zuschreiben und kann darum darauf auch nicht antworten.

Das ist völlig akzeptabel, Herr Halbfas, ich bedanke mich für das umfangreiche Interview.

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