Kein Nachweis für Ehrenmord-Drohung

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Olpe/Siegen..  Eigentlich sollte die Staatsanwältin plädieren, doch am vierten Verhandlungstag platzte der Prozess vor dem Siegener Schwurgericht. Grund: Der Vater der angeklagten Familie aus dem Libanon ist schwer erkrankt, lag noch bis Sonntag auf der Intensivstation. Dem 59-Jährigen sind zwei Adern geplatzt, er hat viel Blut verloren und zudem noch eine schwere Lebererkrankung. Dies brachte das Gericht in die Bredouille, denn wegen der Drei-Wochen-Frist (letzter Verhandlungstag mit dem Vater war am 19. Januar) hätte es spätestens am 9. Februar weitergehen müssen. Das ist angesichts des Gesundheitszustandes des 59-Jährigen, dem es nach Aussage des Sohnes sehr schlecht geht, unmöglich.

Neuer Prozess

„Es ist sinnvoll gegen alle vier zu verhandeln. Deshalb wird das Verfahren ausgesetzt, und es gibt einen neuen Termin“, sagte die Vorsitzende Richterin, Elfriede Dreisbach.

Der Fall muss also vor dem Schwurgericht komplett neu aufgerollt werden. Wie berichtet, ist die Familie angeklagt, am 7. Januar 2014 eine mit ihr befreundete 32-Jährige in deren Wohnung in Olpe überrumpelt, übel misshandelt und mit dem Tod bedroht zu haben. Der angeklagten Mutter (55) wird zudem versuchter Totschlag vorgeworfen: Sie soll die junge Frau mit einem Messer angegriffen haben. Hintergrund soll eine außereheliche Affäre ihrer nach islamischem Recht verheirateten Tochter (27) gewesen sein. Die Familie wollte die 32-Jährige laut Anklage gewaltsam zwingen, Fotos auf ihrem Laptop zu löschen, die die Tochter nackt und in eindeutigen Posen mit dem Liebhaber, dem Ex-Freund der 32-Jährigen, zeigten. Die Eltern glaubten, dass die 32-Jährige diese Bilder an den Schwiegersohn geschickt habe.

Während das Gericht die Verhandlung gegen die vierköpfige Familie, zu der auch ein 33-Jähriger Sohn gehört, aussetzte, wurde das Verfahren gegen den 39-jährigen Sohn abgetrennt und zu Ende gebracht. Dieser ist nur für die zweite Tat angeklagt. Dabei sollen die beiden Brüder am 8. Januar 2014 ihrer Schwester wegen der außerehlichen Affäre am Telefon mit einem Ehrenmord gedroht haben. Vor Gericht hatten das beide abgestritten.

Kosten trägt die Staatskasse

Der 39-Jährige hat ein erhebliches Vorstrafenregister, jedoch offenbar auf den richtigen Weg gefunden. „Ich war sechs Jahre am Stück im Gefängnis, habe Drogen genommen und allen möglichen Mist gemacht“, sagte er vor Gericht. Den Kontakt zur Familie habe er bewusst abgebrochen und „so die Kurve gekriegt“.

Den Beweis, dass es wirklich zur Ehrenmord-Drohung gekommen ist, konnte das Schwurgericht nicht führen. Problem: Aus Angst vor den Eltern und Brüdern hatte die mittlerweile in der Schweiz lebende 27-Jährige gebeten, nicht vor Gericht aussagen zu müssen und angekündigt, von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch machen zu wollen, da es sich beim Angeklagten um ihren Bruder handelt.

Das Gericht folgte dem von Staatsanwältin Tanja Soltesek beantragten Freispruch. „Sie hat es zwar bei der Polizei angezeigt, aber es gibt keine richterliche Vernehmung. Der Tatvorwurf ist nicht nachzuweisen mit der Folge, dass er freizusprechen ist“, so Richterin Elfriede Dreisbach. Die Kosten des Verfahrens in Bezug auf den 39-Jährigen und dessen Auslagen trägt die Staatskasse.

 
 

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