Geschichte, die unter die Haut geht

Lennestadt.  30 Stunden und 29 Minuten – das war die exakte Zeit eines ununterbrochenen Stasi-Verhörs mit Peter Keup. Am Ende war der damalige 22-jährige Mann infolge Wassermangels dehydriert und erlitt einen Nervenzusammenbruch.

Den Grund für diese Folter schilderte der 1958 in Radebeul geborene Keup am Montag über 250 Oberstufenschülern des Gymnasiums Maria Königin Lennestadt im vollbesetzten Konferenzsaal. Keup, der im Auftrag der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur tätig ist, verlebte zunächst eine „DDR-typische“ Jugend (der Vater war als Kommunist 1956 in die DDR gezogen): Mitglied der kommunistischen Jugendorganisationen Thälmann-Pioniere und FDJ, strikt linientreu erzogen. „Ich glaubte zunächst sogar, dass die Mauer wirklich ein ‚antifaschistischer Schutzwall sei.“ Bis die Großeltern aus Essen zu Besuch kamen und von Grenzschikanen und Mauertoten berichteten. Wegen des danach gestellten Ausreiseantrags der Eltern galt der 16-jährige Peter als „Verräter“, musste die Schule verlassen, durfte nicht mehr im Sportverein trainieren. Die ihm angebotene Alternative lautete: „Sag dich von deinen Eltern los, dann wirst du von einer Pflegefamilie adoptiert und kannst das Abitur machen.“

Gescheiterter Fluchtversuch

Eine weitere Lebensperspektive in der DDR sah Keup nicht mehr. Der anschließende Fluchtversuch (über die ČSSR nach Ungarn, dort über die Donau nach Österreich schwimmen) scheiterte aber bei der DDR-Grenzkontrolle: Keup hatte vergessen, eine Rückfahrkarte zu kaufen. Es folgten entwürdigende Leibesvisitationen, 20-stündige Verhöre und zunächst eine viermonatige U-Haft im Stasi-Gefängnis in Dresden.

Unmenschliche Haftbedingungen

Keup, der in der Haft 20 Kilogramm Gewicht verlor, zeigte einen Filmausschnitt über die Haftbedingungen in den zwei mal drei Meter „großen“ Zellen mit ihren indiskutablen „Sanitäreinrichtungen“ sowie über die perfide Grenzsicherung der Berliner Mauer mit „Todesstreifen“ und Selbstschussanlagen. Die Schülerinnen und Schüler, hochkonzentriert und betroffen, hatten viele Fragen an den Zeitzeugen: Wie schlägt man die Zeit tot, wenn man nicht einmal lesen oder Briefe schreiben darf? Wie hat er die weiteren zehn Monate Haft nach seiner Verurteilung als „Republikflüchtling“ ausgehalten? Was dachten die Eltern und Geschwister, die nichts über seinen Verbleib wussten?

 
 

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