Galileo-Park Lennestadt lädt zur Experimental-Archäologie

Die Ausstellung „Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?“ ist bis zum 6. Oktober im Galileo-Park in Lennestadt zu sehen. Unser Bild zeigt Modelle von Schilfbooten.
Die Ausstellung „Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?“ ist bis zum 6. Oktober im Galileo-Park in Lennestadt zu sehen. Unser Bild zeigt Modelle von Schilfbooten.
Foto: WAZ / FotoPool
Im Galileo-Park in Lennestadt können Abenteurer die Experimental-Archäologie kennenlernen. Er zeigt bis zum 6. Oktober die Ausstellung „Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?“ mit den Forschungsergebnissen der Abora-Expeditionen von Dr. Görlitz und seinem Team. Es geht um das Können der frühen Seefahrer.

Lennestadt. Der Mensch ist Wanderer, Seefahrer, Händler - und zwar von Anfang an. Im Kielwasser prähistorischer Kulturen belegt der Experimentalarchäologe und Skipper Dr. Dominique Görlitz, dass bereits in der Steinzeit transozeanische Seereisen möglich waren. Der Galileo-Park in Lennestadt zeigt bis zum 6. Oktober die Ausstellung „Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?“ mit den Forschungsergebnissen der Abora-Expeditionen von Dr. Görlitz und seinem Team.

Mayas als Vorbilder

„Zur Zeit stürzt in der Wissenschaft ein ganzes Theoriegebäude ein“, erläutert der 46-Jährige. Denn bisher ging man davon aus, dass sich die Kulturen auf den einzelnen Kontinenten unabhängig voneinander und eigenständig entwickelt haben. Neuere Forschungen lassen hingegen frühen Austausch vermuten. Waren die Pyramiden der Mayas Vorbilder für die Ägypter? Wie kam der afrikanische Flaschenkürbis schon in der Steinzeit nach Mexiko? Hat Pharao Ramses II. eine Havanna geraucht? Das sind die Fragen, mit denen sich Görlitz und seine Kollegen beschäftigen.

Dabei spielen die Erkenntnisse unterschiedlichster Fachbereiche eine Rolle: Ethnobiologie, Felsbildkunde, Hydrologie, Frühkartographie, Astroarchäologie und Anthropologie zum Beispiel.

Die Kokosnuss macht deutlich, worum es geht. Bislang ging die Wissenschaft davon aus, dass sich die Frucht im Wasser schwimmend auf den verschiedenen Kontinenten verbreitet hat. Dr. Görlitz konnte nun nachweisen, was keiner je in der Praxis ausprobiert hat: Kokosnüsse, die in Salzwasser treiben, bleiben keine 14 Tage keimfähig. „Die alten Inder wussten schon ganz genau, dass das ein Handelsgut ist.“

Der Norweger Thor Heyerdahl segelte 1947 mit der Kon-Tiki über den Pazifischen Ozean, um zu beweisen, dass die Besiedlung Polynesiens von Südamerika aus möglich war. Höhlenmalereien, die Seekarten und Schiffstypen wiedergeben, haben Görlitz dazu angeregt, prähistorische Wasserfahrzeuge aus Schilf zu bauen und auf dem Meer zu testen. Die Ausstellung stellt alle großen Abora-Expeditionen vor.

Spurensuche mit Felsmalerei

So gelang es dem sächsischen Experimentalarchäologen zum Beispiel, auf der Abora III den Nordatlantik zu überqueren. Auf 17 Tonnen Schilf und mit nur einem Leinensegel segelte die Crew nicht nur gegen Stürme und Strömungen an, sondern auch gegen die Meinung der Fachwelt. Denn bislang gilt bei Archäologen und Historikern die Überzeugung, dass frühe Seefahrer Europa niemals auf der extrem schwer zu meisternden atlantischen Nordroute erreichen konnten.

Seitenschwerter, wie sie auf Felszeichnungen dargestellt sind, ermöglichten allerdings nach Auffassung von Görlitz den prähistorischen Seefahrern, gegen den Wind zu kreuzen. Damit wird die Route von Europa nach Amerika denkbar, und vor allem der Rückweg. Gezeigt wird ebenfalls der sechs Meter lange Schilfsegler Dilmun IV, der 2008 nach vorägyptischen Felsmalereien konstruiert und von Aymara-Indianern in Bolivien gebaut wurde.

Die Exoten unter den Forschern

Experimentalarchäologen werden von vielen universitären Wissenschaftlern als Exoten angesehen. Dennoch setzen sich einige ihrer Beobachtungen langsam durch. Der Standpunkt von Dominique Görlitz ist in der heutigen Zeit besonders spannend: „Das Global Village ist älter, als wir glauben. Es ist ein Paradoxon, dass die moderne Wissenschaft versucht, die These aufrechtzuerhalten, dass es erst in der frühen Neuzeit mit der Globalisierung losging.“ Man muss über den engen Horizont hinaussehen: „Das Problem ist, dass Biologen nicht mit Archäologen und Völkerkundlern reden. Spezialisierung muss sein, aber es braucht auch Generalisierung.“

Seit der Finanzkrise hat es das Abora-Team schwer, Sponsoren für die geplante Wiederholung der Nordatlantik-Überquerung zu finden. Görlitz hofft aber darauf, im Heyerdahl-Jubiläumsjahr 2014 eine Schwarzmeerexpedition ausrüsten zu können, die auf den Spuren von Herodot von Sotschi nach Alexandria unterwegs ist. Sogar das Sauerland soll im Sommer zum Experimentalrevier für das Seitenschwertsegeln werden: Mit der „Plastiki II“, einer Replik der Dilmun IV aus modernen Materialien, werden Görlitz und sein Team im Juni auf dem Biggesee unterwegs sein.

Expedition auf dem Biggesee

„Plastiki II“ ist bislang nur ein Arbeitstitel; Namen für den Nachbau werden noch gesucht. Warum die Replik? Görlitz: „Ein Schilfboot hält nicht länger als zwei oder drei Jahre, dann ist es reif für den Kompost.“

 
 

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