„Flüchtlinge halten sich an Gepflogenheiten“

Stefan Spieren impft Shekila Qasemi in seiner Hausarztpraxis in Hünsborn gegen Tetanus und Diphterie. Links ihr Sohn Sajad.
Stefan Spieren impft Shekila Qasemi in seiner Hausarztpraxis in Hünsborn gegen Tetanus und Diphterie. Links ihr Sohn Sajad.
Foto: Roland Vossel
  • Siebenjähriger Afghane ist in Hünsborn der Dolmetscher für seine Mutter
  • Betreuer machen Termine und Flüchtlinge halten sich an die Zeiten
  • Impfungen sind besonders wichtig wegen der Ansteckungsgefahr

Hünsborn..  Es ist ein kleiner Piekser in den Arm. Stefan Spieren impft Shekila Qasemi in seiner Hausarztpraxis in Hünsborn gegen Tetanus und Diphterie. „Frag’ Mutter ‘mal, ob es wehgetan hat“, sagt der Hausarzt zu ihrem Sohn Sajad. Der siebenjährige Afghane fungiert als Dolmetscher. Seine Mutter schüttelt den Kopf. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht.

Seit einem Jahr gibt es in der Hausarztpraxis Spieren eine Sprechstunde für Flüchtlinge. Immer freitags ab 11 Uhr kommen die Menschen aus den Unterkünften in der Gemeinde Wenden nach Hünsborn. „Von der Organisation her ist das einfacher, wenn dann nur Flüchtlinge behandelt werden. Man hat mehr Zeit. Das Personal ist darauf eingestellt. Übersetzer stehen parat“, so Stefan Spieren.

Sohn ist Dolmetscher für Mutter

Nun, einen Übersetzer braucht der Mediziner bei Mutter und Sohn aus Afghanistan nicht. Sie gehörten zu den ersten Flüchtlingen, die vor zweieinhalb Jahren in die Gemeinde Wenden kamen, und leben in der Unterkunft in der Waldstraße in Hünsborn. Und der aufgeweckte Siebenjährige, der die Grundschule in Hünsborn besucht, spricht perfekt Deutsch. „Es ist ganz toll, wie er das gelernt hat. Er ist der Dolmetscher für seine Mutter“, lobt Spieren. Seit einem Jahr, von Beginn an, besuchen sie die Flüchtlings-Sprechstunde, erzählt Sajad Qasemi im Gespräch mit dieser Zeitung: „Ich finde das gut mit der Sprechstunde.“ Hünsborn ist für den Siebenjährigen zur neuen Heimat geworden. „Ich spiele Fußball bei RW Hünsborn. Gegen Möllmicke haben wir 8:2 gewonnen“, berichtet er stolz. Zur Frage, ob er denn auch ein Tor geschossen hat, meint er: „Vier.“ Wenn die gegnerische Mannschaft stark sei, spiele er in der Abwehr, sonst im Sturm. Keine Frage: Sajad Qasemi ist ein Musterbeispiel dafür, wie Integration funktionieren kann.

„Es wird viel geschimpft über Flüchtlinge. Hier ist das aber ganz und gar nicht der Fall. Im Gegenteil. Die Betreuer machen Termine, und die Flüchtlinge halten sich an die Zeiten. Sie halten sich an die Gepflogenheiten hier in der Praxis. Sie sprechen lieber Deutsch als Englisch. Die Krankheiten können sie meistens auf Deutsch beschreiben. Hauptsächlich kommen Syrer“, sagt Stefan Spieren. Ehrenamtliche Betreuer bringen die Flüchtlinge in der Regel zur Sprechstunde nach Hünsborn. Der anfängliche Ansturm auf die Flüchtlings-Sprechstunde sei weniger geworden: „Anfangs war der Bedarf noch höher. Sie versuchen jetzt erstmal, selber etwas zu machen und kommen nur, wenn sie wirklich krank sind.“

Kalte Temperaturen nicht gewohnt

Flüchtlinge bekommen laut Spieren häufiger eine Erkältung. „Sie sind die Temperaturen nicht gewohnt und laufen noch im T-Shirt herum“, so der 39-jährige Mediziner. Sie seien besonders gefährdet, sich mit Grippe zu infizieren, gerade weil sie bei ihrer Ankunft in Deutschland auf engstem Raum in Erstaufnahmeeinrichtungen gelebt hätten und so die Ansteckungsgefahr groß sei. Ende September hatte Stefan Spieren eine Sonder-Sprechstunde für die Flüchtlinge in Hillmicke gemacht. Problem: Es gab keinen Bus, der nach Hünsborn fährt. „Deshalb bin ich dahingefahren und habe die Grippe-Impfung dort gemacht“, sagt Stefan Spieren.

Der Hünsborner Hausarzt will seine Sprechstunde für Flüchtlinge, bei der ihn seine Frau Julia unterstützt, auf alle Fälle fortführen. „Alle sind sehr dankbar. Das muss man einfach sagen“, betont Stefan Spieren. Auch Sajad Qasemi bedankt sich beim Hünsborner Arzt, als er mit seiner Mutter die Praxis verlässt.

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