Finnja und der Diabetes

Finnja (10) aus Lennestadt (hier mit Freydís vom Quinckenhof) hat Diabetes Typ 1. Unter ihrer Armbinde trägt sie einen Sensor, der ihren  Blutzucker misst. In einer Gürteltasche steckt die Insulinpumpe, die über einen Katheter im Oberschenkel Insulin abgibt.
Finnja (10) aus Lennestadt (hier mit Freydís vom Quinckenhof) hat Diabetes Typ 1. Unter ihrer Armbinde trägt sie einen Sensor, der ihren Blutzucker misst. In einer Gürteltasche steckt die Insulinpumpe, die über einen Katheter im Oberschenkel Insulin abgibt.
Foto: Funke Foto Services
  • Finnja (10) aus Lennestadt hat seit fünf Jahren Diabetes. Sie erzählt, wie sie damit klar kommt. Gut nämlich
  • Den neuen Lehrern hat sie einen Infozettel in die Hand gedrückt, damit alle Bescheid wissen
  • Häufigste Stoffwechselkrankheit bei Kindern und Jugendlichen

Lennestadt..  Finnja schwingt ihre langen Beine elegant vom Sattel und hopst auf den Boden. Die Zehnjährige ist groß für ihr Alter. 1,57 Meter. Schuhgröße 40. Das blonde Mädchen trägt eine Brille, pinkfarbene Reithosen und ein rosafarbenes Top mit Blümchen. Ihre Wangen glühen. „Wir sind zweimal galoppiert“, erzählt sie und streckt ihrer Mutter den linken Arm hin. Unter einer Armbinde steckt ein Sensor, der Finnjas Blutzucker misst. Nadine Niederschlag liest die Daten fix ab, während die beiden über den Ausritt plaudern. Galoppieren war nämlich eigentlich nur ein Mal erlaubt. Finnja erkrankte vor fünf Jahren an Diabetes Typ 1. Es ist die häufigste Stoffwechselkrankheit bei Kindern.

Die Krankheit

Laut Deutscher Diabetes-Hilfe wird sich die Zahl der erkrankten Kinder bis 2020 verdoppeln. Die Ursachen sind noch unklar. Deshalb will Finnja aus Lennestadt-Maumke zeigen, dass sie ein normales Leben führt, trotz Behindertenausweis. „Ich kann alles machen“, sagt sie. „Meine Bauchspeicheldrüse geht nur nicht mehr. Deshalb muss ich Insulin spritzen. Dein Körper macht das alleine“, erklärt sie in einfachen Worten. Sie selbst ist Profi. Welcher Wert ist ok, welcher nicht? Wie merke ich, dass ich unterzuckert bin? Wie viele KE (Kohlenhydrateinheiten sind einfacher zu berechnen als Broteinheiten) hat ein Apfel? In einer Bauchbinde steckt die Insulinpumpe. Über einen Katheter am Bein gibt die Pumpe die Menge ab, die ihr Körper braucht, damit ihr Blutzucker im Normbereich bleibt. Der liegt zwischen 80-120. Gerade wurde die neue Insulinpumpe von der Krankenkasse bewilligt – in Finnjas Lieblingsfarbe Lila. Außerdem sieht es gut aus, dass die Zehnjährige ein so genanntes „CGM“ bewilligt bekommt. Ein neuer Sensor für den Arm, der gleichzeitig warnt, wenn die Werte nicht stimmen. Der Bundesausschuss der Krankenkassen hat das CGM gerade in seinen Leistungskatalog aufgenommen. Zuvor mussten Eltern das 2500 Euro teure Gerät oft selbst zahlen.

Die Diagnose

Finnja hatte gerade das Seepferdchen bestanden und übte nun für Bronze. Aber sie machte nach zwei Bahnen schlapp. „Das war komisch“, erinnert sich die Mutter. Finnja trank unglaublich viel und nässte deshalb nachts wieder ein. Nachdem Nadine Niederschlag zum dritten Mal das Bett bezogen hatte, setzte sie sich an den Computer und tippte die Symptome ein. Google spuckte „Diabetes“ aus. Doktor Google hatte Recht. „Ich war wie vor den Kopf geschlagen“, erzählt die Mutter. Gleichzeitig musste sie vor Finnja die Fassung behalten. In der DRK-Kinderklinik in Siegen wurde Finnja eingestellt. Dort kam ihrer pragmatischen Mutter auch die Idee mit den Lillifee-Stickern. Alle Besucher mussten Aufkleber fürs Album mitbringen. Auf der Rückseite standen die Ziffern von 1-250. So lernte Finnja mit Fünf alle Zahlen, damit sie auch selbst die Blutzuckerwerte vom Messgerät ablesen konnte.

Die Schule

Seit ein paar Wochen geht Finnja aufs Städtische Gymnasium in Olpe. 1000 Schüler, mit dem Bus fahren, alles ist größer als auf der Grundschule. „Klar haben alle gefragt, was ich da habe“, sagt Finnja und deutet auf ihre Armbinde. „Aber ich bin ja nicht aus Zucker. Fragen ist ok.“ Den Lehrern überreichte sie am ersten Tag ein Paket Traubenzucker fürs Pult und einen Infozettel: Was man bei einer Unterzuckerung beachten muss. Die Notfallspritze steckt immer in der Schultasche.

Die Schule geht mit der Krankheit vorbildlich um, auch weil es in der Oberstufe noch ein Mädchen mit Diabetes gibt. So unproblematisch läuft das nicht immer, sagt Dr. Dörte Hilgard, Kinder-Diabetologin aus Herdecke. Eine Mutter aus Arnsberg berichtet der Westfalenpost zum Beispiel, dass ein Lehrer ihrer zuckerkranken Tochter verbot, im Unterricht zu essen. Die Klasse stellte sich sofort hinter das Mädchen. „Viele Lehrer wollen auch die Verantwortung nicht übernehmen , obwohl die Haftung über die Deutsche Unfallversicherung geregelt ist“, sagt Hilgard. Schulen lehnen Kinder mit Diabetes sogar ab oder schließen sie von Fahrten aus.

Und zack stehen die Kinder im Mittelpunkt. Auch Finnja mag das überhaupt nicht. Außer am Montag. Da macht sie bei der Wahl zu Klassensprecherin mit.

Zahlen bitte: - Ein Kind von 670 ist an Diabetes Mellitus Typ 1 erkrankt. 15 von 1000 Kindern unter 18 Jahren leiden an Diabetes Typ 2, verursacht durch Übergewicht. Es gibt 200 Neuerkrankungen pro Jahr.

- In Deutschland sind 30 500 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt. „In NRW sind es zwischen 5000 und 7000 Kindern“, erklärt Dr. Dörte Hilgard, Kinder-Diabetologin aus Herdecke.

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