Ein Theaterstück, das dem Publikum nahe geht

Meggen.  Warum hat „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ immer noch eine so starke Anziehungskraft, wie es der Zuspruch im PZ in Meggen zeigt? Schließlich war die Uraufführung schon 1963. Sicherlich spielt die Filmadaption des Stückes vom 1966 eine Rolle. Sie war nicht nur finanziell erfolgreich, sondern hinterließ auch künstlerisch einen starken Eindruck. Viele der älteren Generation können sich sicherlich noch an ihr Erlebnis mit diesem Film 1968 ( in diesem Jahr kam der Film in die deutschen Kinos ) erinnern. Die Hauptdarstellerin Elizabeth Taylor bekam einen Oscar, ebenso Sandy Dennis als Honey und Richard Burton, George Segal (Nick) immerhin noch eine Oscarnominierung ebenso wie der Regisseur Mike Nichols, der den Oscar dann ein Jahr später für „Die Reifeprüfung“ ( mit Dustin Hoffman) erhielt.

Wer das Stück im PZ in Meggen sah, merkte sehr schnell, warum es einen immer noch bis zum Schluss in Atem hält und bewegt. Denn das „Spiel“, das George (Felix von Manteuffel) und seine Frau Martha (Leslie Malton) treiben, geht nämlich, wie Goerge seinen nächtlichen Gästen Nick (Urs Stämpfli) und Honey (Judith Hoersch) erklärt, bis auf die Knochen, „nein nicht nur bis auf die Knochen, noch tiefer bis ins Mark“. Mit anderen Worten, George und Martha sezieren, zerfleischen sich so gnadenlos, dass nichts mehr von ihrer Beziehung übrig zu bleiben scheint. Jeder kennt nach dreiundzwanzig Jahren Ehe die Schwächen des anderen nur zu gut und nutzt sie rücksichtslos aus.

Martha zu George: „Schon seit Jahren sehe ich dich nicht mehr, du bist ein Nichts, eine Null!“ Sie verzeiht ihm nicht, dass er es im College, das ihr übermächtiger Vater leitet, nicht weiter als bis zum einfachen Geschichtsprofessor gebracht hat, statt seinem Schwiegervater zu zeigen, dass er selbst die Leitung übernehmen könnte. George bleibt ihr wenig schuldig: „Ich stelle mir vor, Martha, wie du bis zum Hals in Beton steckst, nein, bis zur Nase, dann ist es ruhiger.“ In der von Alkohol geschwängerten Nacht reizt Marthe George so weit, dass er ihr an die Gurgel geht. Nick und Honey verhindern Schlimmeres.

Aber auch George bekommt seine Rache, indem er Marthas Einbildung, sie besäße einen Sohn, brutal zerstört. Martha fasst ihr Beziehung mit den Worten zusammen: „Ich weine immer. George weint auch immer, dann sammeln wir unsere Tränen im Eiswürfelbehälter, bis sie gefroren sind, tun sie in unsere Drinks und trinken sie.“

Leiche im Keller

Auch das junge Paar Nick und Honey hat ihre Leiche im Keller. Honey hat Angst davor, erwachsen zu werden und ein Kind zu bekommen. Letztlich geht es in dem Stück aber vor allem um das Problem, dass Beziehungen, gerade durch die Nähe, die sie erzeugen, auch unendliche Möglichkeiten bieten, sich zu verletzen. Sigmund Freud setzte diese Möglichkeit der Menschen, sich seelisch zu verletzen, in der Skala des Schlimmen, zu dessen wir fähig sind, ganz oben an.

Das beweist das Stück von Edward Albee ( 1928 geboren, vor gut zwei Monaten gestorben ) eindrucksvoll. Nebenthemen wie Karriere, den Schein wahren, nicht vom amerikanischen Lebensmodell abweichen, spielen auch eine Rolle, aber das Zentrum ist der Umgang der Paare miteinander. Das Stück hat bekanntermaßen zwei Paraderollen. Diese besetzen Leslie Malton als Martha und Felix von Manteuffel als ihr Mann George hervorragend. Hervorragend meint, dass Martha einen keine Sekunde glauben lässt, dass ihre punktuellen Gutmütigkeiten von Dauer sind. In ihr steckt immer der Angriff, das Zuschlagen. Manteuffel gelingt es vorzüglich, die Balance zwischen gedemütigt werden und eigenen Racheversuchen zu halten. Malton zeigt einen sehr großen Teil der Klaviatur, die Schauspielern zur Verfügung steht. Manteuffels Spiel ist verhaltener, aber keineswegs schlechter. Mit Judith Hoersch und Urs Stämpfli sind die Rollen des jungen Paares ebenfalls bestens besetzt. Daraus ergibt sich eine Ensembleleistung, die das Stück zu einem Leben erweckt, das einem nahegeht. Anhaltender Beifall war der Lohn.

 
 

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