Ein Schuhmacher aus Leidenschaft

In den 30er Jahren war man mit drei Mann in der Schuhmacher-Werkstatt tätig. Auf dem Bild (v.l.) sind Geselle Alfons Niklas aus Ottfingen, Lehrling Anton Klur aus Schönau und Meister August Häner. Fachmännisch werden sie vom späteren Schuhmachermeister Alfons Häner beobachtet.
In den 30er Jahren war man mit drei Mann in der Schuhmacher-Werkstatt tätig. Auf dem Bild (v.l.) sind Geselle Alfons Niklas aus Ottfingen, Lehrling Anton Klur aus Schönau und Meister August Häner. Fachmännisch werden sie vom späteren Schuhmachermeister Alfons Häner beobachtet.
Foto: WP

Wenden.  Wenn „alte Meister“ berichten, dann kann auch Alfons Häner aus Wenden einiges dazu beitragen.

Häner absolvierte im Jahre 1957 seine Meisterprüfung im Schuhmacher-Handwerk vor der Handwerkskammer in Arnsberg. Vor vier Jahren wurde ihm der Goldene Meisterbrief ausgehändigt. Häner: „Noch heute bin ich in meiner Werkstatt im Schuhhaus Häner tätig und freue mich, auf inzwischen 65 Jahre Schuhmacherei in Wenden zurück blicken zu können.“

Der 2. Weltkrieg stellte die Schuhmacher allgemein vor schwierige Probleme. Schuhe und Leder gab es nur auf Bezugsschein, so dass oft kaum das Material zum Flicken der „durchgelaufenen Treter“ zur Verfügung stand. Da aber die hiesigen Bauern und Hauberggenossen die Eichenlohe abschälten und diese den Gerbereien zum Verkauf ablieferten kam in die Dörfer oft eine „Sonderzuteilung“ an Leder. Damit konnte oftmals die gröbste Not gelindert werden – bei lediglich einem einzigen Paar Schuhe.

Was mussten die Schuhe alles aushalten?! Im Haus, im Stall und im Garten, auf dem Feld und in der Wiese, beim Laufen und Springen im Sommer, beim Schlittenfahren und beim Schliddern im Winter. Und dabei hatte jeder doch nur ein einziges Paar Schuhe – für sonn- und werktags. So musste das Schuhwerk früher fest und „durabel“ sein. Aus der Armut geboren mussten oft die nachfolgenden Geschwister die Schuhe der Älteren auftragen.

Wenn jemand Schuhe zum Schuhmacher brachte gingen oftmals mehrere Kinder mit, um bei der Arbeit zuzuschauen. Die abgelaufenen Schuhnägel wurden heraus geschlagen, die durchlöcherte Sohle abgerissen und aus echtem Kernleder wurde eine neue Sohle zugeschnitten und angepasst. Da das Klebeverfahren noch nicht so weit fortgeschritten war wurden die Sohlen rundum mit einer Doppelreihe Holznägel (Pinnen) festgenagelt. Die wichtigste Frage in diesem Zusammenhang war: Sollen Schuhnägel oder Plättchen darunter? Unter den Absatz kam meistens ein Rundeisen.

Alfons Häner erinnert sich: „Es war um 1960 herum, als der Schuhmachergeselle Franke in der Werkstatt beschäftigt war. Er musste aus dem Osten fliehen, war also kein Wendener Junge. Eines Tages kam Frau Koch, eine „echte Wendsche“, und brachte ein Paar Schuhe zur Reparatur. „Na, Frau Koch, was soll denn an den Schuhen gemacht werden“, fragte der Geselle die Kundin. „De Schuh son obgelappet und die Knäppe mutten wärder strack gemaht wern.“ Herr Franke sah mich ratlos an und meinte: „Nee, Alfons, das musst du mit erst mal übersetzen.“ Die Schuhe sollten neu besohlt und die Absätze begradigt werden.“

Erst nach 1950 begann sich die Lage zu normalisieren, Auch im Schuhmacher-Handwerk stellte sich eine neue Situation dar: Die Industrialisierung kam auch hier – und die Schuhfabriken begannen die Schuhe an Fließbändern zu fertigen. Es kamen viele Modelle und Schuhe für jeden Bedarf auf den Markt. Neue Werkstoffe wurden erprobt und angeboten. Vor allem im Sportbereich wurden in Zusammenarbeit mit Sportlern und Sportärzten unzählige Spezialschuhe entwickelt.

Häner: „So ist aus dem Schuhmacher von einst, der den Schuh in Handarbeit nach dem Fuß der Leute anfertigte, nach und nach ein fachlich geschulter Berater für gutes und gesundes Schuhwerk geworden.“ In der dritten Generation wird das Schuhhaus Häner in Wenden inzwischen von Christoph Häner geführt. Der Ursprung des heutigen Fachgeschäftes ist die alte Schuhmacher-Werkstatt.

 
 

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