Anonymen Zahlen ein Gesicht geben

Attendorn..  Dass die Arbeitsbedingungen für die Herstellung von Kleidung in den Schwellenländern katastrophal ist, haben die meisten schon irgendwo gehört oder gelesen. Und doch machen sich die Wenigsten Gedanken darüber, wo ihre eingekauften Waren eigentlich herkommen.

Das will eine kleine aber feine Ausstellung ändern, die am Samstag in der Galerie des Attendorner Rathauses eröffnet wurde. In seiner Eröffnungsrede gab Bürgermeister Christian Pospischil auch zu, dass er sich gerade an diesem Tag gefragt hatte: „Wer hat eigentlich den Anzug genäht, den ich heute trage?“ Eine Antwort gibt ihm (und auch anderen Interessierten) die Ausstellung „Ich nähe deine Kleidung!“

Ein halbes Prozent für den Lohn

Hier bekommt die Anonymität der Zahlen ein Gesicht. Es werden neun Frauen porträtiert, die für einen Hungerlohn in den Textilfabriken Kambodschas und Bangladeschs schuften. Wie zum Beispiel die 20-jährige Daliya, die in einer Stunde die Innennähte von 130 Jeanshosen näht und das 60 Stunden pro Woche für umgerechnet 60 Euro im Monat - eine Frau, die „nebenbei“ eine Gewerkschaft gründet und Forderungen stellt wie beispielsweise freie Sonntage, Begrenzung der Überstunden oder Lohnerhöhungen.

Die Ausstellung zeigt laut Michaela Reithinger von der Bonner Organisation Femnet e.V. zugleich die Zustände vor Ort und auch die Würde und den Stolz der Frauen, die neben der Arbeit noch für ihre Rechte kämpfen. Femnet hat die in den Niederlanden entwickelte Ausstellung ins Deutsche übertragen und präsentiert sie seit nunmehr zwei Jahren als Wanderausstellung.

In ihrem eindrucksvollen und anschaulichen Vortrag konfrontiert Michaela Reithinger ihre Zuhörer mit schrecklichen und gleichzeitig nüchternen Zahlen. Sie erinnert an die eingestürzte Fabrikhalle Rama Plaza in Bangladesch, wo 1 127 Menschen starben und weitere 2 438 verletzt wurden. Sie erklärt, dass in der Textilbranche nicht mehr zwei Kollektionen pro Jahr sondern eine pro Monat entstehen. Dass im Schnitt jeder von uns 14 Kilogramm Bekleidung – das entspricht zum Vergleich einer Menge von 140 T-Shirts - im Jahr kauft und wiederum neun Kilo wegwirft. Und sie erklärt, dass nicht mehr als ein halbes bis ein Prozent des Ladenpreises als Lohn bei den arbeitenden Frauen landet.

Peppige Ökolabel

So plädiert auch Adelheid Lütteke vom Arbeitskreis Fairer Handel der Hansestadt für einen mehr nachhaltigen Konsum. Und zum Beweis dafür, dass faire Mode nicht langweilig sein muss, lässt sie gleich ein paar freiwillige Models zeigen, wie peppig die Ökolabel heutzutage sind. Der Arbeitskreis sowie die Frauenbeauftragte der Stadt, Marion Terschlüsen, und der überparteiliche Frauenarbeitskreis Attendorn, haben mit vereinten Kräften die Ausstellung in die Hansestadt geholt.

Darüber hinaus konnten sie lokale Kräfte vor Ort mit ins Boot holen, wie etwa eine stattliche Anzahl Attendorner Einzelhändler, die ebenfalls in der Ausstellung zeigen, dass fair gehandelte Waren durchaus auch im gängigen Angebot zu finden sind. Die Listerscheiderin Dagmar Kaiser zeigte ihre Künste am Spinnrad, wo sie Schafswolle zu Knäueln spann. Das Rivius Gymnasium, das zurzeit den Status einer Fair-Trade-Schule erwirbt, sorgte durch die Schülerfirma unter Leitung von Sarah Gerke für das leibliche Wohl, während der Josefschor für die musikalische Untermalung der Eröffnungsfeier verantwortlich war.

Die Ausstellung ist während der Öffnungszeiten des Rathauses noch bis zum 29. Juni zu sehen.

 
 

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