9. November: Als der Schwachsinn Realität wurde

Prof. Dr. Werner Weidenfeld (links) im Gespräch mit dem Attendorner Bürgermeister Christian Pospischil.
Prof. Dr. Werner Weidenfeld (links) im Gespräch mit dem Attendorner Bürgermeister Christian Pospischil.
Foto: WP
Der Historiker Prof. Dr. Werner Weidenfeld erlebte den Mauerfall als Mitglied einer deutschen Regierungsdelegation mit Bundeskanzler Kohl in Warschau. Er war einer der wenigen, die glaubten, dass es geschehen könnte.

Attendorn..  Mit dem dramatischen Abend der Öffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 verbindet wohl jeder, der ihn bewusst miterlebt hat, eine eigene Geschichte. Seine ganz besondere Sicht auf diese Ereignisse, nämlich als Berater und Begleiter von Bundeskanzler Helmut Kohl und Außenminister Hans-Dietrich Genscher, die sich an diesem Tag zu einem Staatsbesuch in Polen aufhielten, schilderte der renommierte Politikwissenschaftler Prof. Dr. Werner Weidenfeld seinen Zuhörern beim „Politischen Gespräch“, zu dem die Stadt Attendorn am Montagabend in die Aula des Rivius Gymnasiums eingeladen hatte.

Zeitgeschichtlicher Kontext

Weidenfeld vermittelte den rund 70 Besuchern nicht nur unterhaltsam sein persönliches Erleben dieses geschichtsträchtigen Abends sowie der Tage davor und danach, sondern bettete sie in auch in den zeitgeschichtlichen Kontext ein. So zitierte er eine Umfrage aus diesen Tagen, bei der 97 Prozent der Westdeutschen erklärt hatten, sie rechneten zu ihren Lebzeiten nicht mehr mit einer Wiedervereinigung Deutschlands.

Und „führende deutsche Politiker“ hätten 1989 zur Aufgabe des Geredes von einer Wiedervereinigung aufgefordert und diese als „historischen Schwachsinn“ bezeichnet. Die „dauerhafte Existenz der Teilung war eine Prämisse der damaligen Politik“, machte Weidenfeld seinen Zuhörern klar. Daher habe es auch keinerlei Pläne für den Fall der Fälle in den Schubladen der Bonner Ministerien gegeben.

Er selbst habe allerdings ebenso fest mit der Wiedervereinigung - wenn auch nicht so schnell - gerechnet wie der damalige amerikanische Botschafter Vernon A. Walters. Während Weidenfeld davon ausging, dass der massive wirtschaftliche Druck einer globalisierten Welt die Sowjetunion zu einer Öffnung zwingen werde, stützte Walters sich auf Informationen aus dem Vatikan: „Der Vatikan weiß besser, was im Osten geschieht als die CIA“.

Der damalige polnische Gewerkschaftsführer Lech Walesa, der Kohl und Genscher suspekt war, weil er bei einem Zusammentreffen am Nachmittag des 9. November „ständig mit einem Rosenkranz herumfuchtelte“, so Weidenfeld, habe sogar am Ende des Gesprächs gesagt, dass die Mauer bald fallen werde und sich überrascht gezeigt, dass es in Deutschland keine Vorbereitungen für diesen Fall gab. Das habe Bundeskanzler Helmut Kohl zu der Aussage veranlasst: „Jetzt ist der Typ völlig durchgeknallt“.

Typisch deutsche Anekdote

Nur wenige Stunden später war es so weit, was aber nur langsam zu deutschen Delegation in Warschau durchdrang, und Kohl organisierte mit Hilfe des US-Botschafters für den nächsten Tag einen Flug von Warschau über Hamburg - eine Maschine der Luftwaffe durfte nicht nach Berlin fliegen - dorthin, wo er vor 100 000 Menschen an der Gedächtniskirche sprach.

Als typisch deutsche Anekdote fügte er an, dass der Mitarbeiter Genschers, der einen Flug der British Airways für den Rückflug nach Warschau buchte, große Problem bekam, weil er vorher keinen Dienstreiseantrag gestellt hatte.

Nach seinen Ausführungen beantwortete Prof. Dr. Werner Weidenfeld, moderiert von Bürgermeister Christian Pospischil, einige Fragen von Zuhörern, ehe er sich in das Goldene Buch der Stadt Attendorn eintrug und eigene Bücher signierte.

 
 

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