Zu viel Wohnraum schadet Mülheim

Begehrte Neubauten gab es vor allem in Saarn – wie hier auf den Höhen der Luxemburger Allee. Luftbild : Hans Blossey
Begehrte Neubauten gab es vor allem in Saarn – wie hier auf den Höhen der Luxemburger Allee. Luftbild : Hans Blossey
Foto: Hans Blossey

Mülheim. Bürgerinitiative „Schützt Menden“ warnt vor einer Überschwemmung des Wohnungsmarktes mit Neubauten. Wenn mehr Freiflächen bebaut werden, schwinde die Attraktivität Mülheims als Wohnort.

Geht die Stadtpolitik beim Wohnungsbau von völlig falschen Voraussetzungen aus? Eindeutig ja, sagt der Berater Dr. Peter Dietz. „Die Annahme, es gebe in Mülheim derzeit einen unstillbaren Bedarf an gehobenem Wohnraum, ist unzutreffend.“ Von Lobbyisten und Einflüsterern ließen sich die Politiker beeinflussen. Tatsächlich bestehe bereits heute ein Überangebot. Deshalb seien auch weitere Bauprojekte wie etwa in Menden fatal.

Dietz, Physiker und Unternehmensberater, betreibt mit seinem Sohn das Unternehmen „Take off – VC Management GmbH“. Er wurde von der Bürgerinitiative „Schützt Menden“ damit beauftragt, den Wohnungsmarkt, speziell den Einfamilienhaus-Markt, zu analysieren. Dies hat Dietz, selbst Mitglied der Initiative, getan. „Wir haben uns ausschließlich auf öffentlich zugängliche Quellen gestützt, städtische Daten und Landesdaten, betont er. Die Schlüsse daraus müssten die Planungspolitiker ziehen, sie werden die Unterlagen in diesen Tagen erhalten, ebenso die OB.

Unterschriften-Aktion

Die Initiative hat inzwischen 1300 Unterschriften gegen das Vorhaben in Menden gesammelt: Am Ortseingang auf einer Pferdekoppel und Obstwiese soll eine kleine Siedlung mit 24 Einfamilienhäusern entstehen. Für Achim Büge, Sprecher der Initiative, stellt das einen unzumutbaren Eingriff in die Landschaft dar, die Zerstörung eines schönen Ortseinganges. Dabei, so Büge, bestehe überhaupt keine Not dazu. Zwar fänden Häuser, die auf solchen Flächen errichtet würden, durchaus ihre Abnehmer. Aber dies geschehe zu Lasten des restlichen Marktes.

Die Marktanalyse von Dietz beschreibt folgendes:

1. In den vergangenen 20 Jahren nahm die Zahl der Wohneinheiten in Mülheim um elf Prozent zu. Es wurden 4450 Ein- und Zweifamilienhäuser neu gebaut und 350 abgerissen.

2. Vergleichsweise hat Mülheim einen hohen Bestand an Ein- und Zweifamilienhäusern, 40 beziehungsweise 20 % aller Wohneinheiten.

3. Jährlich wechseln in Mülheim etwa 700 Ein- und Zweifamilienhäuser den Besitzer, ein Drittel davon sind Neubauten. Im Juli des Jahres befanden sich über 130 Einfamilienhäuser in Mülheim zum Verkauf auf dem Markt.

Zugleich wird nach den Prognosen die Einwohnerzahl bis 2025 um etwa sieben Prozent sinken. Vor allem aber, so Dietz, werde der Anteil der 25- bis 45-Jährigen spürbar zurückgehen, und das sei gerade die Käufergruppe.

Grundstückspreise fallen seit Jahren

Längst habe der Markt reagiert, sagt Dietz: „Seit Mitte der 90er Jahre sind die Grundstückspreise in Mülheim um real 25 Prozent gefallen.“ Im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten sei in Mülheim der Verfall der Bodenpreise am stärksten. In seiner Marktanalyse vergleicht das Unternehmen die Durchschnittspreise der Jahre 1997 bis 2003 mit 2004 bis 2006. Und auch bei der Leerstandsquote liegt Mülheim nach Dietz an der Spitze: „Elf Prozent betrug schon im Jahr 2005 die rechnerische Quote.“

Die Schere zwischen vorhandenen Wohneinheiten und Haushalten geht aus Sicht des Unternehmensberaters in Mülheim gefährlich auseinander.

Wozu dann noch neu bauen, die Freiflächen weiter versiegeln?, fragt sich die Bürgerinitiative und spricht in dem Punkt nicht nur für Menden. Mülheim müsse vielmehr aufpassen, dass die Stadt gerade nicht jene Qualitäten zerstöre, die sie attraktiv machten.

In Kürze werden weitere 200 Wohneinheiten auf den Markt kommen, zwei Drittel davon sind Einfamilienhäuser. Darüber hinaus aber sind weitere Bebauungspläne mit einer Kapazität von 370 Wohneinheiten in der Einleitungsphase, darunter das Projekt in Menden. „Die Entwicklung hin zu dramatisch hohen Leerständen“ könne die Politik noch spürbar bremsen, wenn sie ihren Spielraum ausschöpfe. Heißt, wenn sie in Landschaftzonen sagt: Hier nicht! Dahin will die Initiative die Planungspolitiker bewegen. „Wir sind“, sagt Büge, „keine Spinner, keine Krawallmacher, sondern solide, überzeugte Mülheimer Bürger.“

 
 

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