Zeitzeugin der Bombennacht - „Wir dachten, wir kommen da nicht mehr raus“

Julia Blättgen
Die Stadthalle wurde während der Bombennacht 1943 schwer beschädigt.
Die Stadthalle wurde während der Bombennacht 1943 schwer beschädigt.
Foto: Stadtarchiv

Mülheim. Reichtümer, sagt Margarete Deckers, habe sie nie gewollt. Nur einen einzigen Wunsch habe sie gehabt: „Dass es nie wieder Krieg gibt.“ Zu grausam, zu prägend waren ihre Erlebnisse während des Zweiten Weltkriegs und vor allem in der Bombennacht, als sie im Keller der Stadthalle saß, während es oben brannte.

Als Küchenhilfe war sie als 18-Jährige in der Stadthalle beschäftigt. Im Juni 1943, berichtet die Zeitzeugin, gab es dort bereits „kein Schauspiel“ mehr, sondern „Übertragungen von Nachrichten und Veranstaltungen fürs Militär“. Margarete Deckers wohnte wie alle Angestellten direkt in der Stadthalle.

Grausame Atmosphäre im Keller

Der Hausmeister war es, der alle in der Nacht vom 22. auf den 23. Juni in den Keller schickte. Beim Gedanken an die Atmosphäre dort läuft es Margarete Deckers heute noch „kalt den Rücken runter. Alle hatten Angst und weinten. Auch der Chef und die Chefin waren da.“ Hinter der schweren Schutztür fühlte sie sich wie eingesperrt; und plötzlich drang Qualm durch die Lüftung, die sofort abgestellt wurde. „Wir dachten, wir kommen da nicht mehr raus.“

Die Stadthalle wurde in jener Nacht schwer beschädigt. „Aber wir hatten Glück“, sagt Margarete Deckers rückblickend. Über Stunden, erinnert sich die heute 88-Jährige, saßen sie im Keller fest, wie lange genau, kann sie nicht sagen: „Es fühlte sich unendlich an.“ Als sie schließlich den Keller wieder verlassen konnten, erwartete sie oben „eine zerbombte Stadt – obwohl: Eigentlich war es keine Stadt mehr.“

Nie wieder in der Stadthalle gewesen

Sofort machte sie sich auf den Weg nach Speldorf zu ihrem Elternhaus. Ein furchtbarer Weg war es für die Jugendliche, den sie „ganz alleine“ zurücklegen musste: „Da lagen Tote, Verwundete. . . Es hat geknistert und geknackt wegen des Feuers.“ Der Fußweg dauerte, aber sie kam heil in Speldorf an. Das Haus der Familie war schwer beschädigt, „aber meine Eltern waren nur froh, mich zu sehen“.

Nie wieder hat Margarete Deckers einen Fuß in die Stadthalle gesetzt. Zu schrecklich war das dort Erlebte. Doch ihr größter Wunsch erfüllte sich: Ihre fünf Kinder und fünf Enkelkinder mussten keinen Krieg miterleben.