Zeitzeuge der Bombennacht - „Feuerwerk schaue ich mir nicht an“

Aus dem Archiv von Fritz Zorn stammt diese Aufnahme aus Mülheims zerbombter Innenstadt.
Aus dem Archiv von Fritz Zorn stammt diese Aufnahme aus Mülheims zerbombter Innenstadt.
Foto: WAZ FotoPool

Mülheim. Es war der 22. Juni. Meine Großeltern wohnten seit ein paar Wochen zwei Häuser weiter als wir an der Moritzstraße in Styrum. Eine der letzten Luftminen zerstörte mehrere Häuser in unserer Straße.

Meine Oma war am ganzen Körper gelähmt, konnte kaum laufen, aber ging mit meinem Opa und meiner Tante in den Keller einer Nachbarfamilie, wenn Alarm war. Mein Vater fand das nicht gut. Er baute an dem Abend für meine Oma einen Rollstuhl zusammen aus Fahrradrädern, und wir konnten das erste Mal mit Oma, Opa und Tante in den großen Bunker.

Der Bunker war sehr voll. Nach Mitternacht rollte dann der Angriff über Mülheim. Schwere Detonationen erschütterten den Bunker. Die Frauen fingen an zu beten. Die meisten Kinder schrien vor Angst. Der Putz fiel von der Decke. Meine Mutter hatte zu tun mit meinem vier Wochen alten Bruder.

Schwerverletzte nach dem Angriff

Nach dem Angriff gingen auf einmal die Türen auf, und es wurden Schwerverletzte hereingebracht. Unter ihnen war auch das Ehepaar, welches meinen Großeltern immer den angeblich sicheren Keller angeboten hatte. Eine Luftmine hatte das Haus getroffen. Man beklagte elf Tote. Unter ihnen war auch ein Spielkamerad von mir. Sie wurden in Nachbars Garten unter zwei Türen aufgebahrt.

Nach der Entwarnung verließ ich den Bunker trotz Verbot der Wachmannschaften, um zu sehen, ob unser Haus noch steht. Es stand noch. Aber Omas Haus und das Haus der Tante waren nicht mehr bewohnbar. So erging es auch noch zwei Tanten, die in der Stadt wohnten. Sie wohnten dann alle bei meinen Eltern. Wir Kinder hatten dann die Aufgabe, Essen an den Ausgabestellen zu holen. Das gab es auf Bezugscheinen. Wenn wir nichts zu tun hatten, krochen wir unter eingestürzten Decken in Omas Wohnung herum, rissen die Schränke auf und brachten der Oma noch heile Sachen.

Die Christbäume und Phosphorbomben, die vom ­Himmel fielen

So ging es mehrere Wochen. Dann wurden wir evakuiert. Wir kamen in die Steiermark und die Tanten nach Obersdorf. Da aber meine Mutter Heimweh bekam, fuhren wir nach zwei Wochen wieder heim. Nachdem wir wieder zu Hause waren, baute mein Vater einen eigenen Bunker, den wir bis Kriegsende benutzten.

An diese Zeit werde ich immer noch erinnert, wenn irgendwo ein Feuerwerk abbrennt. Das schaue ich mir nicht an. Ich sehe dann ­immer noch die Christbäume und Phosphorbomben, die vom ­Himmel fielen, vor meinen Augen, als wenn es erst gestern gewesen wäre.

 
 

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