Worüber nicht geredet wird

„Ein Stück von mir“ entwickelten Flüchtlinge aus eigenen und kollektiven Erinnerungen.
„Ein Stück von mir“ entwickelten Flüchtlinge aus eigenen und kollektiven Erinnerungen.

Mülheim.. Wir glauben viel zu wissen über Flüchtlinge in Deutschland: Woher sie kommen, warum sie hier sind, wie sie leben, was sie fühlen, was sie den Staat angeblich kosten... Aber was wissen wir von ihnen? In „Ein Stück von mir“ haben sechs junge Menschen aus Syrien, Kamerun und Serbien die Wege konventioneller Flüchtlingserzählungen verlassen und traumhafte, manchmal rätselhafte Szenen entwickelt.

Fliehen, beten, verstecken

‘Erzählt’ wird streng genommen wenig, und wenn, dann in Form von Bildern und Musik. Doch was gezeigt wird, verrät viel: ein Vogelkäfig, ein Frauentorso, suchen, gefesselt werden, fliehen, beten, verstecken. Der Betrachter wird in diese Welt aus Gesten und Objekten hinein gezogen, mit den Gefühlen der Darsteller und wohl mehr noch seinen eigenen konfrontiert.

Das mag zwar geradezu schwermütig klingen, aber den jungen Amateur-Darstellern, die zwischen 17 und 22 alt sind, geht es nicht darum, sich als Opfer darzustellen, nicht um ‘billiges’ Mitleid zu feilschen, sondern solche individuelle und auch kollektive Erfahrungen zu bearbeiten.

6 Monate Training

„Woran denkst du, wenn du die Augen nicht schließen kannst?“, fragte Adem Köstereli vom Theater an der Ruhr die Darsteller zu Beginn des Projekts, und arbeitete anschließend sechs Monate mit ihnen daran, diese in die distanzierende Sprache der Kunst zu übersetzen.

Natürlich scheint hinter den entwickelten Szenen auch das selbst Erlebte der sechs jungen Flüchtlingen durch. Das Schauspielen wurde zur anstrengenden Arbeit an sich selbst.

Nicht ohne Folgen: Manche der zum Projektbeginn noch 15 Jugendlichen kamen irgendwann nicht mehr, anderen wurde es von der Familie verboten. Aufarbeitung emanzipiert, vielleicht war das den Eltern zu ‘bedrohlich’.

Nicht alle sind mehr dabei

Für die Darsteller gab es an sich aber noch mehr zu entdecken: „Das Theater hat mir Vieles über mich erklärt“, sagt einer von ihnen über die Herausforderung, als Laie plötzlich auf der Bühne zu stehen, „ich bin offener geworden“. Eine andere merkt, dass „ich durch das Schauspielen meine Schüchternheit mehr und mehr ablegen konnte“.

Einer ist allerdings nicht mehr bei ihnen, gegen seinen Willen. Ein junger Mann aus Syrien – den Namen will Adem Köstereli nicht nennen – wurde überraschend wieder nach Italien ausgewiesen. Aber auch das ist leider ein mögliches Schicksal von Flüchtlingen in Deutschland. Zur mahnenden Erinnerung an ihn, hängt im Stück an der Wand eine elektrisch knisternde Jacke. Die Premiere am Jungen Theater an der Ruhr ist am Freitag, 26. April.

 
 

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