Wohngebiet in Mülheim wird plötzlich Überschwemmungszone

Anlieger im Rumbachtal bei Mülheim. Sie möchten keine nassen Füße kriegen: Petra Kast,  Britta Stalleicken und Heidrun Bido.
Anlieger im Rumbachtal bei Mülheim. Sie möchten keine nassen Füße kriegen: Petra Kast, Britta Stalleicken und Heidrun Bido.
Foto: Ralf Rottmann
Die Anwohner des Mülheimer Rumbachs haben mit Hochwasser zu kämpfen. Nun bekommen sie und viele andere es auch schriftlich – ob sie wollen oder nicht. Der Titel hat Folgen für die Bewohner. So können sie beispielsweise nicht mehr nennenswert umbauen.

Mülheim/Ruhr. Der Rumbach murmelt gerade mit betonter Harmlosigkeit daher, aber er kann auch ganz anders: 2009, ja, 2009 muss es gewesen sein, dass das Wasser über eine Treppe in den Garten von Heidrun Bido stieg, die gläserne Tür zum Wohnzimmer eindrückte und sich bis auf 60 Zentimeter Höhe in der Wohnung breit machte. 2010 und 2011 kam es zu weiteren Überflutungen im Rumbachtal, nicht ganz so hoch, aber in der Küche von Nachbarin Petra Kast stand das Wasser auch damals.

Sie schlüpfte in die Gummistiefel, schmiss die Pumpen an und fischte draußen das Treibgut weg, das sich festzuhaken drohte. Wie die Nachbarn auch. „Manchmal haben wir das zwei- dreimal im Jahr, dann wieder zwei, drei Jahre gar nicht“, sagt sie.

Kein Zweifel also, im wirklichen Leben sind Teile des Rumbachtals in Mülheims tiefem Süden Überschwemmungsgebiet. Jetzt sollen sie auch auf offiziellen Karten, auf dem Papier und in den Dateien der Behörden Überschwemmungsgebiet werden. Die vielleicht 40 Leute, die das angeht hier, sind damit nicht glücklich: „Wer lässt sich schon gerne in seinem Haus einschränken?“, fragt Britta Stalleicken, zugegeben, rhetorisch.

Sie dürfen nicht mehr bauen

Sie könnten nicht mehr bauen oder nennenswert umbauen, Öltanks wären ebenso untersagt wie Zäune, die querstehen zur Fließrichtung, und sonstige Hindernisse aller Art. Und wer versichert uns? Und bekäme man so ein Haus überhaupt noch verkauft zu einem vernünftigen Preis? Die ersten Info-Abende sind angesetzt, die ersten Juristen eingeladen.

Der Konflikt aus Mülheim lodert so und ähnlich im ganzen Land, denn eine neue „Hochwasserrisikomanagementrichtlinie“ wird gerade umgesetzt: Bis Ende 2013 legen die Regierungspräsidien (RP) an allen NRW-Gewässern Überschwemmungsgebiete fest nach dem Maßstab des größten Hochwassers der letzten 100 Jahre. „In den Gebieten gelten besondere Regeln, so sollen Schäden verhindert oder verringert werden“, sagt William Wolfgram vom Regierungspräsidum Düsseldorf.

Wolfgram spricht für alle, denn auf der mehrseitigen Liste stehen Flüsse und Bäche aus dem ganzen Land: Rhein und Ruhr und Lippe; Nette, Rotbach, Rumbach; Issel, Niers, Müggenbach . . . Gebiete sind das, die bei Hochwasser überschwemmt oder durchflossen oder als Rückhalteflächen genutzt würden. Diese Rückhalteflächen sind sinnvoll, denn das Wasser, das da steht, treibt nicht mehr die Flut an. „Konflikte können überall dort entstehen, wo Leute wohnen, die bisher nicht in einem Überschwemmungsgebiet wohnten“, sagt William Wolfgram von der Bezirksregierung.

Plötzlich Überschwemmungsgebiet. Die Mülheimer zum Beispiel erfuhren es aus einer Meldung im Lokalteil, später einem Bericht, und noch später stand dazu auch was im Amtsblatt.

Das Hochwasser des Rumbachs entsteht immer gleich: nach Wolkenbrüchen und starken Landregen, wie sie in den letzten Jahren durchaus häufiger fielen. Schüttet es stundenlang auf Essen-Haarzopf, „kommt das zwei Stunden später bei uns an“, sagt Petra Kast: „Und wenn die Stadt Essen dann das Regenrückhaltebecken öffnet: kommt noch ein Wums!“

Die Stadt könnte etwas tun gegen das Hochwasser, aber es wäre teuer

Und so hoffen sie, dass es jetzt doch noch Chancen gibt, die Ausweisung als Überschwemmungsgebiet zu vermeiden. Die Stadt Mülheim könnte die unbebauten Flächen am Ende des Rumbachtals tieferlegen, damit da mehr Hochwasser stehen bleibt. Oder sie könnte am anderen Ende, wo der Bach in eine stark verengte Kanalisation fließt, die Verengung erweitern. Dann würde das Wasser schneller abfließen und der Pegel nicht so hoch steigen.

Freilich, beides kostete die Stadt viel Geld. Plötzlich Überschwemmungsgebiet!

 
 

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