„Wir wollen das Ungleichgewicht ändern“

Eine komplette Familie schaut den Betrachter des Werbeflyers an: Vater, Mutter, Kinder – und die Großeltern. Sind eigentlich nicht nur die betroffen? Schließlich geht es ums Thema Pflege. „Eben nicht“, sagt Dorothea Huzarski. Und damit unterstreicht sie schon, was den Ansatz ihres Unternehmens ausmacht. „Die Pflegestufen-Berater“ – das sind Huzarski, ihr Lebensgefährte Olaf Gäth und ihr Neffe Bart Gorynski – nehmen das ganze soziale Umfeld in den Blick. „Wenn ein Mitglied der Familie pflegebedürftig wird, dann sind davon alle betroffen. Sei es, weil sie selbst pflegen oder eben den Pflegedienst organisieren. Die Kinder leiden unter dem Stress , dem die anderen ausgesetzt sind.“ Eine Anspannung, die die Belastung noch weiter verstärkt, die ja schon besteht. Schließlich ist es bedrückend, wenn es einem engen Angehörigen nicht gut geht. Besonders wächst der Druck dann, wenn der Betroffene einer Pflegestufe zugeordnet werden soll. Davon hängt entscheidend die spätere Qualität der Pflege ab. Entsprechend hoch ist die Nervosität in der Familie. Ganz routiniert hingegen sind die Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen, die die Einstufungen vornehmen. Sie haben hunderte von solchen Terminen hinter sich gebracht und spulen in der Regel ihr Programm ab. „Dieses Ungleichgewicht wollen wir ändern“, sagt Huzarski. Sie arbeitet seit zwei Jahrzehnten in der Altenpflege, die Einstufungen gehören auch zu ihrem Alltag.

Aber wie schwierig es für Laien ist, diesen Bereich zu überblicken, wurde ihr erst vor Kurzem klar. Sie half einer Nachbarin dabei, deren Unterlagen auszufüllen. Und dank ihrer Detailkenntnisse schaffte sie schließlich, dass die Frau wie gewünscht eingruppiert worden ist.

Dabei gehe es nicht darum, Leistungen zu erschleichen, die den Betroffenen gar nicht zustehen, betont sie. Ganz im Gegenteil: „Wir wollen dazu beitragen, dass den Pflegebedürftigen Recht geschieht. Nur meistens können sie ihre Ansprüche nicht so formulieren. Weil sie die Fachausdrücke nicht kennen.“ Da kann schon ein unbedachter Satz manchmal entscheidend sein: Viele der alten Menschen geben sich etwa agiler als sie eigentlich sind. Schließlich ist Besuch da. Der Medizinische Dienst freilich fragt kein zweites Mal nach. Wenn der Senior sagt, es gehe ihm gut, dann ist das eben so. „Wichtig ist ebenfalls, dass es für alle Beschwerden auch ärztliche Diagnosen gibt. Die liegen tatsächlich oft nicht vor“, weiß Huzarski. Oder die Pflegezeiten werden falsch berechnet: Wenn ein Familienangehöriger zuständig ist, können mehr Minuten veranschlagt werden als bei professionellen Helfern. „Wir werden auch aktiv, wenn zum Beispiel für Urlaubszeiten eine stationäre Unterkunft gebraucht wird.“

In der Praxis läuft die Beratung so ab: Huzarski nimmt die Unterlagen mit nach Hause und arbeitet sie durch. Diese Aufgabe teilt sie sich mit Olaf Gäth, der früher selbst in der Altenpflege tätig war und heute im Krankenhaus-Management arbeitet. Die Entlohnung erfolgt stundenweise – aber auch nur dann, wenn der Antrag erfolgreich war. Aber auch beim Widerspruch stehen die Berater den Betroffenen zur Seite.

Huzarski und Gäth betreiben das Unternehmen nebenberuflich. Bei Bart Gorynski ist es ebenso. Der Jüngste im Team hat einst Management studiert und spielte eine wichtige Rolle dabei, seine Tante und deren Lebensgefährten davon zu überzeugen, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. „Ich habe mir Gedanken über das Entwicklungspotenzial gemacht.“ Dazu gehört natürlich auch zu recherchieren, wie es um die Konkurrenz bestellt ist. Gorynskis überraschende Erkenntnis: „Etwas Vergleichbares gibt es kaum. Manchmal bieten Einzelne Beratung an. Aber so ein Team wie bei uns habe ich nicht gefunden.“ Er wundert sich immer noch darüber. Denn der Bedarf ist ganz augenscheinlich da. Schon jetzt, erst wenige Wochen nach der Gründung und ganz ohne Werbung, haben sich Kunden von ganz alleine gemeldet. „Wir hoffen auf die Mundpropaganda“, sagt er. „Fast jede Familie ist irgendwie betroffen.“

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