Wie man Leute heute ins Jugendzentrum lockt

Foto: Thomas Emons

Mülheim.. Im klassischen Ballettkurs für kleine Mädchen sind noch Plätze frei. Große Brüder können für die Gurtprüfung im Shaolin Kung Fu trainieren. Eltern machen sich beim Pilates locker. Alles unter dem Dach des Friedrich-Wennmann-Hauses an der Tinkrathstraße, das sich wie eh und je Jugendzentrum nennt.

Wo frühere Generationen nach Schule und Mittagessen einfach vorbeischauten, reiht sich mittlerweile im Wochenplan Kurs an Kurs, fast mit einem Sportstudio vergleichbar. „Man muss die Leute wirklich anlocken“, sagt Birgit Lieske, Leiterin des Friedrich-Wennmann-Hauses seit rund 25 Jahren. Ein Satz, der heutzutage sicher nicht nur für dieses Jugendzentrum gilt, das Mitte der Fünfziger Jahre als „kleine offene Tür“ nur an einigen Tagen in der Woche für wenige Stunden geöffnet war.

Mülheimer Jugendzentrum ist vor allem ein offener Treff

Als offener Treff dient es natürlich auch heute noch. Kinder kommen zum Spielen am Kicker oder vor der Konsole, Jugendliche können sich hier täglich treffen, auch in der hauseigenen Küche „ein paar Nudeln machen“, so Birgit Lieske. „Einzige Voraussetzung: Nach dem Kochen wird aufgeräumt. Sonst Kopf ab.“ Sie lacht. Zweite goldene Regel: Abends um 20 Uhr ist hier Sperrstunde. Auch freitags.

Neben dem offenen Betrieb aber spinnt das Team ständig neue Angebote, die sich in verschiedene Richtungen entwickeln. Eine Tendenz, die Birgit Lieske erkennt: generationenübergreifende Workshops, „da arbeiten wir immer mehr hin“. Was im speziellen Fall auch durch die etwas abgelegene Lage des Wennmann-Hauses gefördert wird. „Wir liegen ja am Stadtrand, so dass die Kinder meist hingebracht und abgeholt werden müssen.“

Die Erziehungsberechtigten bleiben oft gleich da, was früh zur Einrichtung eines Elterncafés führte, aber längst darüber hinaus geht. Es gibt beispielsweise „Power Fitness“ für Mütter wie Töchter, „das läuft gut“. Im Mai soll ein Malkurs für die Altersgruppe 6 bis 99 Jahre starten. „Wir sind in manchen Fällen auch Teil der Familien“, sagt Birgit Lieske.

Finanzierung aus Mitteln von Stadt und Land

Der erwähnte Malkurs steht aus ihrer Sicht noch für eine weitere Entwicklung: „Was ganz neu ist: Dass Eltern sagen, ich kann das und das, soll ich bei euch nicht mal einen Kurs machen?“ In diesem Fall ergreift eine Mutter, die zugleich Gestalttherapeutin ist, die Initiative.

Das Friedrich-Wennmann-Haus, von einem gemeinnützigen Verein getragen, finanziert sich ganz überwiegend aus Mitteln von Stadt und Land. Spenden fließen eher spärlich: „600 Euro im vergangenen Jahr.“ Für Bastelmaterial, berichtet Birgit Lieske, stehen dem Haus jährlich 1500 Euro zur Verfügung, für Honorarkosten 4000 Euro. Es geht gar nicht anders, als für die Kurse Gebühren zu nehmen, wenn auch recht geringe, und aufwendigere mit preiswerten Aktionen quer zu finanzieren.

Viele Projekte lassen sich dennoch nur umsetzen, wenn das Jugendzentrum erfolgreich öffentliche Töpfe anzapft. Unerwünschte Nebenwirkung: „Die Büroarbeit ist größer geworden, das hat sich sehr, sehr verändert“, sagt die Erzieherin mit langer Berufserfahrung. „Telefon, Anrufbeantworter, E-Mails, Berichte, Protokolle und Anträge schreiben, um Fördergelder zu bekommen.“ Sie müssten auch Anwesenheitslisten führen und dem Jugendamt stets zum Jahresende melden, wie viele Besucher im Haus waren.

Ungefähr 90 Leute am Tag

„Unser Tagesschnitt liegt bei ungefähr 90 Leuten. Das ist seit Jahren in etwa gleich geblieben.“ Die Leiterin, so scheint es, ist damit zufrieden.

Herz und Schaltzentrale des Friedrich-Wennmann-Hauses ist ein beidseitig begehbares, sehr belebtes Büro. Es verrät viel über die alltägliche Arbeit von Birgit Lieske und ihrem kleinen Team.

Schreibtisch, PC, Drucker, Aktenordner stehen hier auch. Aber längst nicht nur. So ragt aus dem Eingangsfoyer der hauseigene Flohmarkt hinein, wo es Bilderbücher, Puzzles, Pumps, Vinylplatten gibt. Der Erlös geht ans Haus. An eine Wand aus dem Weg geschoben: ein mit Chips, Schokoriegeln und Minisalamis bestückter Teewagen, der bei Bedarf als kleiner Kiosk dient.

Zwei abgenutzte, über die Jahre glänzend gesessene rote Sofas bilden ein „L“, davor ein vollgepackter Tisch, auf dem u.a. die aktuelle „Bravo“ liegt. Wer sich erhebt von einer der Couchen, erlebt schnell, wie sich die Lücke schließt. Aufgestanden, Platz vergangen! Frauen-, Kinder-, Männerstimmen flirren durcheinander, an diesem frühen Mittwochabend, den die Leiterin noch „relativ ruhig“ nennt.

Friedrich-Wennmann-Haus wurde 1955 eröffnet

Birgit Lieske wird alle paar Minuten unterbrochen, angesprochen, angerufen, lässt die Störungen aber auch zu. Eine Mutter tritt herein: Sie hat auf der Toilette ein Handy gefunden. Ein kleiner Junge hält ein Second-Hand-Spielzeugauto in der Hand, fragt vorsichtig: „Wie viel kostet das hier?“ Birgit Lieske lächelt: „Das schenk ich dir.“ Später weist sie dem Kleinen den Weg in die Autoecke. Zwei Mädchen aus dem Tanzkurs, in Turnschuhen und Leggins, suchen ein Handy. Nehmen das Fundstück von vorhin erleichtert entgegen. Eine junge Frau stellt sich als mögliche neue Dozentin vor: Sie bietet tiergestützte Pädagogik an, möchte Kindern und Jugendlichen Verständnis für Hunde beibringen. Birgit Lieske findet das sehr interessant. Und so weiter, und so fort . . .

Seit elf Jahren wohnt sie mit ihrer Tochter selber hier im Haus, das mit dem 2003 eröffneten Anbau rund 450 Quadratmeter bietet. Ihr festes Mitarbeiterteam umfasst vier Menschen, insgesamt aber nicht einmal zweieinhalb feste Stellen. „Außerdem“, so Birgit Lieske, „haben wir ca. 30 Ehrenamtliche, von 13 bis 67 Jahren“. Ohne sie ginge es nicht.

Das Heißener Friedrich-Wennmann-Haus wurde im Oktober 1955 eröffnet und hieß anfangs „Haus Falkenhorst“. Es ist keine städtische Einrichtung, sondern wird getragen vom SPD-nahen Verein „Soziale Kinder- und Jugendarbeit“ (SKJ), der drei weitere Jugendzentren in Mülheim betreibt: Stadtmitte, Nordstraße und Leybankstraße. Was wann im Haus genau stattfindet, erfährt man unter www.friedrich-wennmann-haus.de oder 8470452.

 

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