Wie man es auf die Leinwand schafft

Die Selfie-Bombe ist spätestens bekannt, seitdem sich Miss Libanon bei der Kür zur Miss Universe auf das Handy-Foto ihrer israelischen Konkurrentin drängte und für Verwicklungen sorgte. Schlimmer als eine solche Selfie-Bombe ist es nur noch, ein Filmset zu sprengen. Genau das passierte Stefan Borrmann und dabei war er völlig ahnungslos. Aber weil die Szene so natürlich und spontan wirkt, soll sie auch nicht der digitalen Filmschere zum Opfer fallen, sondern im Frühling über die Leinwand flimmern. Kleine Pointe, der 68-Jährige, der früher Vorsitzender der Jusos war, arbeitete zuletzt als Filmvorführer.

Zugetragen hat sich das alles schon vor zwei Jahren, als Helge Schneider in der Stadt seinen Film „Im Wendekreis der Eidechse“ drehte. Im Windschatten dieser Komödie drehte noch eine andere Regisseurin in Mülheim. Andrea Roggon arbeitete an einem Filmporträt über die singende Herrentorte und hatte dafür ihre Kamera an der Schloßstraße platziert. Auf Helge Schneider zu stoßen ist dort nichts ungewöhnliches, selbst seitdem sein Stamm-Café Agnoli geschlossen hat. Vor laufender Kamera ging Borrmann auf Schneider zu, den er flüchtig von früher kennt, schüttelt ihm die Hand. Schneider kommt ihm wie gerufen, denn er war gerade in der neuen Tapas-Bar „Pinchos“ und ist beseelt von einer Idee. Um dem Gastronom den Start zu erleichtern, müsste mal ein Prominenter kommen. Schneider nimmt er deshalb nur mit einem Tunnelblick wahr. Er sagt dem Spaßmacher, dass er unbedingt ins Pinchos gehen müsse und dort jederzeit willkommen sei. Alle sind perplex, Borrmann geht, die Kamera läuft.

Hinterher stellte sich heraus, dass die Szene ausgesprochen sympathisch wirkt. Roggon und Schneider würden sie gerne im Film belassen. Schneider erscheint vermutlich richtig bürgernah. Doch wer kennt diesen Mann? Ohne seine Einwilligung kann man die Szene kaum drin lassen. In der Not konnte die NRZ helfen und den Kontakt zu dem 68-Jährigen herstellen, der aus allen Wolken fiel, als er hörte, dass er vor zwei Jahren in eine Filmszene geplatzt war.

Der Titel des Films „Mülheim - Texas“ ruft Erinnerungen an Wim Wenders wach und die sind offenbar gar nicht so unbeabsichtigt. „Paris Texas“ hieß 1984 Wenders Erfolgsfilm, aber auch an Helges Doc-Snyder Film erinnert der Titel. „Helge Schneider Hier und dort“, lautet der Untertitel und signalisiert schon, dass es sich um ein Roadmovie handelt. Die 1981 in Überlingen am Bodensee geborene Dokumentarfilmerin gelangte nach dem Studium in Baden-Württemberg mit einem Stipendium für längere Zeit nach Kuba, wo mehrere Filme entstanden. Auch die Aufnahmen zu ihrem Filmportrait drehte sie nicht alle im tristen Mülheim. „Den grauen Alltag mache ich mir selber bunt“, lautet Schneiders Devise. Aber in seiner Welt sind die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit fließend. Es ist ausgerechnet ein Satz von Peter Handke, der Roggon die Annäherung an Schneider, der im kommenden August schon 60 wird, erleichterte. „Von dem, was die anderen nicht von mir wissen, lebe ich.“ Die Herausforderung für sie bestand darin, Schneider nahe zu kommen und ihm dabei sein Geheimnis zu lassen, wie sie im Programmheft schreibt.

Ob es ihr gelungen ist und wie Stefan Borrmann in die Szene bombt, kommt am 23. April in die Kinos. Vor wenigen Tagen lief der Film bereits auf dem Max Ophüls-Festival in Saarbrücken, wo er mit dem Defa-Förderpreis für Regisseurin Andrea Roggon ausgezeichnet wurde. „Ein gelungenes cineastisches Portrait, das uns beglückt: Durch seine Leichtigkeit, seine Situationskomik und durch seine Melancholie“, hieß es in der Jurybegründung.

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