Wie die Stadt Mülheim der Kinderarmut begegnet

Ungleichheit beginnt schon bei den Kleinsten.
Ungleichheit beginnt schon bei den Kleinsten.
Foto: Herbert Höltgen
Eine neue Studie zu den Folgen von Kinderarmut rückt Mülheim in den Blickpunkt. Gegenmaßnahmen greifen vom Babyalter bis zum Berufseinstieg.

Fast 28 Prozent aller unter Sechsjährigen in Mülheim leben in Familien, die Sozialleistungen beziehen, gelten also als „arm“. In Teilen der Stadtmitte oder von Styrum sind es sogar mehr als 50 Prozent. Wie sich dies auf die Entwicklung der Kinder auswirkt, beleuchtet eine neue Studie der Bertelsmann-Stiftung, die in Zusammenarbeit des Bochumer Zentrums für interdisziplinäre Regionalforschung (Zefir) und der Stadt Mülheim entstand.

Sozialdezernent Ulrich Ernst betont: Mülheim wurde nicht deshalb als Untersuchungsgebiet ausgewählt, „weil es hier besonders schlimm ist, sondern weil wir bereits 2006 mit dem ersten Familienbericht begonnen haben, uns intensiv mit diesem Thema zu beschäftigen“. Hinzu kommt eine bewährte Kooperation mit dem Zefir-Institut. Diesmal wurden 4802 Schuleingangsuntersuchungen zwischen 2010 und 2013 ausgewertet.

„Das Ergebnis“, so Ernst, „bestätigt vieles, was wir schon wissen“, die messbare Benachteiligung armutsgefährdeter Kinder, auch in ihrer körperlichen Entwicklung. Die Studie zeige darüber hinaus, welche Maßnahmen nützen, namentlich: Dauer des Kita-Besuchs, Einrichtung von Familienzentren, Einbindung in Sportvereine.

Extrem unausgewogen, das weiß Ernst, ist die soziale Mischung in den Kitas, wenn man verschiedene Mülheimer Stadtteile vergleicht, „aber wir haben Wahlfreiheit der Eltern, und das ist auch gut“. Ziel müsse daher sein, die pädagogische Qualität der Einrichtungen im Sinne größerer Chancengleichheit zu verbessern: „Daran arbeiten wir mit Early Excellence.“

Ingolf Ferner, Leiter des Bereichs Elementarbildung im Jugendamt, nennt weitere Maßnahmen, mit denen man in Mülheim flächendeckend fördern möchte, etwa das Gesundheitsprojekt „Prima Leben“, in dem gesunde Ernährung, Bewegung und Entspannung geübt werden. „Wichtig ist auch, die Kinder in den Vereinssport zu bekommen“, betont Ferner. Dass sich dies auf die gesamte Entwicklung positiv auswirkt, hebt die Bertelsmann-Studie ausdrücklich hervor.

Eine weitere Folgerung der Forscher: Kitas in sozialen Brennpunkten brauchen mehr Geld und Mitarbeiter. „Wir haben keine Mittel für zusätzliches Personal“, erklärt Sozialdezernent Ulrich Ernst, aber schon allein die Blickrichtung der Kitas sei wichtig, hin zu stärkerer Vernetzung: „Die Familienzen­tren sollen Stützpunkte für Eltern und Kinder sein, auch schon im frühkindlichen Bereich.“

Ziel für Mülheim sei nun, eine wirksame Reihe aufzubauen, von den Familienhebammen bis zum U25-Haus, vom Babyalter bis zum Berufseinstieg.

Fehlende Kita-Plätze sind ein Problem

Wenn in der Bertelsmann-Studie von „Brennpunkt-Kitas“ die Rede ist, dürfte diese dazu gehören: das ev. Familienzentrum „Die kleinen Strolche“ in Styrum. Alexandra Beelen, neue Leiterin der Einrichtung, sagt: „Bei uns lebt ein Großteil der Familien an der Armutsgrenze.“ Sie hat aber auch eine Ahnung, wie man den Kleinen den Schulstart erleichtern könnte, liegt dabei mit den Forschern auf einer Linie: „Je mehr Zeit die Kinder bei uns verbringen, desto bessere Fördermöglichkeiten und Chancen bekommen sie.“ Viele Eltern hätten den Wunsch, ihren Nachwuchs frühstmöglich in die Kita zu geben, auch nicht berufstätige, „die merken, dass sie bildungsmäßig überfordert sind“. Nur stünden nicht genügend U3-Plätze zur Verfügung, so Beelen, „das ist ein Problem“.

Ein anderes: der soziale Mix. Beate Staudinger, Leiterin der Kita „Fidelbär“ am Hans-Böckler-Platz, berichtet immerhin, die Mischung habe sich in letzter Zeit schon verändert, da durch die Aufnahmekriterien oft berufstätige Eltern einen Platz bekommen. Erfreulicher Effekt: „Kinder, die von Hause aus gut Deutsch können, dienen anderen als Vorbild. Das macht Schule.“

Und wenn Freundschaften zwischen Familien entstehen, würden Kinder auch mal mitgenommen zu Aktivitäten, die ihre eigenen Eltern nicht ermöglichen könnten.

Viele Alleinerziehende leben in Armut

Die Studie ergab nebenbei auch: 18,3 Prozent aller untersuchten Mülheimer Vorschulkinder, also nicht nur der „armen“, hat einen eigenen Fernseher im Zimmer. 28,9 Prozent konsumieren täglich mehr als eine Stunde Medien.

16 Prozent aller Vorschulkinder wachsen nur bei der Mutter auf, bei Kindern, die von SGB II leben, sind es 60,4 Prozent. Deutlich wird das Armutsrisiko alleinerziehender Frauen.