Wie der Mülheimer Schüler Nezet S. zum IS fand

Der Angeklagte Nezet S. unterhält sich im Gerichtssaal mit seinem Rechtsanwalt Eberhard Haberkern (r).
Der Angeklagte Nezet S. unterhält sich im Gerichtssaal mit seinem Rechtsanwalt Eberhard Haberkern (r).
Foto: dpa
Der Prozess gegen den als IS-Terroristen angeklagten Mülheimer ging weiter. Zeugen berichteten, wie er sich nach und nach veränderte – und verschwand.

Mülheim. Nezet S., angeklagt wegen Mitgliedschaft in der Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) sowie Vorbereitung staatsgefährdender Gewalttaten, hat bis vor wenigen Jahren ein Leben geführt wie andere Jugendliche auch. Alkohol, Rauchen und Kontakt zu Frauen gehörten für den jungen Muslim aus Dümpten offenbar dazu. „Wir haben unsere Religion damals nicht sehr hochgehalten“, sagte ein Zeuge am Donnerstag vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Mit einem Mal jedoch habe S. angefangen, „den Glauben zu praktizieren“. Er habe Gebetszeiten eingehalten, gefastet, den Koran gelesen, sei zum Freitagsgebet gegangen. „Er ließ sich einen Bart wachsen und zog sich lange Hemden an“, berichtete der 24-jährige Industriemechaniker, der mit Nezet S. „seit der Kindheit“ befreundet ist.

Die Veränderungen gingen weiter und sie fielen auch an anderer Stelle auf: Wegen exzessiver Religionsausübung wurde S. Anfang 2014 vom Berufskolleg Lehnerstraße verwiesen. Der Zeuge erinnerte sich, wie S. angefangen habe, Arabisch zu lernen, und wie er an der von Salafisten organisierten Koran-Verteilungsaktion Lies teilnahm. Auch der IS und der Krieg in Syrien gerieten zusehends in seinen Fokus: „Wir haben mehr und mehr darüber gesprochen, was da abgeht.“ Ihn selbst habe das auch interessiert, räumte der Zeuge ein, weshalb er mit S. zu einer Veranstaltung nach Köln gefahren sei, bei der die Salafisten Pierre Vogel und Sven Lau auftraten. Die Begegnung mit dem oft als „Hassprediger“ titulierten Vogel beeindruckte: „Er polarisiert mehr als alle anderen. Als er laut aufdrehte, hörten alle zu.“

,Brüder’ in Solinger Moschee besucht

Außerdem sei er mit S. zu „netten Brüder“ in einer Solinger Moschee gefahren. Man habe gebetet, sich unterhalten, „und einer hat mich gefragt, wann ich denn nach Syrien gehe“. Das aber, betonte der Zeuge, habe er niemals vorgehabt. Überhaupt: Er habe sich abgewandt vom Thema IS. „Ich habe mitbekommen, was die da unten treiben – und das hat mich abgeschreckt.“

Als sein Freund Nezet – „ein hilfsbereiter, herzensnaher Mensch mit ausgeprägtem Gerechtigkeitssinn“ – ihm anderthalb Wochen vor dem Abflug ein Flugticket nach Gaziantep zeigte, einer türkischen Stadt nahe der syrischen Grenze, „da wollte ich ihn davon abhalten“. Klar sei: S. habe sich nur für die Reise entschieden, „weil er ein Zugehörigkeitsgefühl gesucht hat, Anerkennung haben wollte“. Niemals hätte er einen Menschen umgebracht, und sei heute ohnehin „voll Reue“.

Eine Aussage, die der 6. Strafsenat auch von anderen Weggefährten zu hören bekam. Per Selfie-Foto vom Flughafen Düsseldorf will ein 20-jähriger Arbeitsloser erfahren haben, dass sich der Freund tatsächlich auf die Reise nach Syrien gemacht hatte. „Als er dann ein, zwei Monate weg gewesen war, stand er im Forum auf einmal wieder neben mir.“ Er ging mit S. essen, „und er hat mir erzählt, wie das da so ist“. Beim IS wohne man mit Menschen vieler verschiedener Länder zusammen, und man bete gern in den Bergen. Jeder habe seine eigene Waffe bekommen und sei daran auch ausgebildet worden. Nezet S. habe zudem davon berichtet, wie eine Bombe 200 Meter neben ihm heruntergekommen sei. Er habe Tote und Verletzte gesehen. „Ich habe ihn gefragt, ob er auch jemandem den Kopf abgeschnitten hat. Er hat aber Nein gesagt.“ Videos solcher Taten hätte „doch jeder“ auf dem Handy, sagte der Zeuge noch. „Es ist nicht schön sie anzusehen, aber ekeln tue ich mich davor nicht.“

Nach der Rückkehr sei sein Kumpel, der zwischenzeitlich gern mit einer Mütze mit „Alqaida“-Schriftzug unterwegs war, wieder ganz der Alte gewesen: „Wir haben uns mit Frauen getroffen, waren bis nachts draußen, auch mal im Casino, und haben Alkohol getrunken.“

In der Vernehmung des Arbeitslosen ging es am Rande auch um ein Chat-Gespräch zwischen dem IS-Sympathisant S. und ihm. Eine Israelfahne, gehisst am Mülheimer Rathausturm, müsse weg, hieß es dort u.a. Der Arbeitslose sei Anhänger rechten Gedankenguts, verriet die Vorsitzende Richterin Barbara Havliza, und da sei man sich wohl einig, dass Israel nicht toll sei. „Das war doch nur Spaß“, so der Zeuge.

Ein weiterer Freund, ein Arbeiter (24), glaubte, dass Nezet S. „manipuliert und reingelegt“ worden sei. Wer genau schlechten Einfluss auf ihn genommen habe, vermochte er allerdings nicht zu sagen. S. habe sich verändert, nachdem er vier Wochen Jugendarrest wegen Diebstahls in einem besonders schweren Fall absitzen musste: „Nach dieser Zeit hat er viel davon gesprochen, für den Gottesstaat und gegen Assad kämpfen zu wollen“, so der Zeuge. „Wenn er dann sterben würde, käme er ins Paradies.“ Einem Azubi (24) soll S. erzählt haben, dass die Armee die syrische Bevölkerung unterdrücke, er helfen müsse – „denn so stehe es im Koran“.

 
 

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