Wenn der Redefluss stockt

Der Mülheimer Johannes Pitov (51) leitet die Stotterer-Selbsthilfegruppe Ruhrgebiet West in Essen.
Der Mülheimer Johannes Pitov (51) leitet die Stotterer-Selbsthilfegruppe Ruhrgebiet West in Essen.
Foto: Michael Dahlke
  • Stotterer wissen ganz genau, was sie sagen wollen, sie brauchen nur mehr Zeit dafür
  • Es hilft nicht, sondern ist eher unhöflich, Wörter und Sätze für sie zu beenden
  • Sprachtherapien und Selbsthilfegruppen helfen, mit der Sprachbehinderung umzugehen

Mülheim..  Stottern ist ein Thema, über das man sprechen muss, meint Johannes Pitov. Und das nicht nur am Welttag des Stotterns, der am Samstag wieder begangen wird. Und auch nicht nur hinter verschlossenen Türen, wie es die Selbsthilfegruppen tun. Pitov (51) kennt sich mit dem Thema aus – in jedem Bereich. Der Bauingenieur und Statiker mit eigenem Unternehmen in Mülheim ist nicht nur seit der Kindheit von der Sprachbehinderung betroffen, er leitet auch die Stotterer-Selbsthilfegruppe, die erst im Mai in Essen gegründet wurde.

Johannes Pitov weiß, dass vor allem Aufklärung wichtig ist – auf Seiten der Betroffenen, aber auch auf Seiten derer, die einem stotternden Menschen gegenüber stehen. „Das Wort Stottern klingt in jeder Sprache hässlich“, meint Pitov. „Nur bei den Spaniern nicht. Die sagen ,habla tarde’ dazu – später sprechen.“ Das beschreibt das Phänomen auch ganz gut: Denn Stotterer wissen ja ganz genau, was sie sagen wollen, sie können es eben nur nicht flüssig aussprechen. Deswegen ist es nicht hilfreich, sondern sogar unhöflich, wenn man für den Betroffenen Wörter und Sätze vervollständigt.

Johannes Pitov sagt, dass er Hänseleien und Diskriminierung als Kind nicht erlebt habe. Im Gegenteil – in seiner Schulzeit in Mülheim sei er von Mitschülern in Schutz genommen worden, habe eine Sonderrolle gehabt. Doch spätestens in der Pubertät wird bei Heranwachsenden der selbstkritische Blick strenger. „Der größte Gegner des Stotterers ist er selbst“, betont Pitov. Man traue sich nichts mehr zu, fühle sich beobachtet. „Dann setzt die Sprechangst ein.“ Ehe man stottert, sagt man lieber nichts mehr. Wenn man Freunde hat, die für einen mitreden, muss man ja auch nicht.

Keine Lösung, wie Johannes Pitov betont, der Themen wie diese mit den rund 45 Mitgliedern der Selbsthilfegruppe bespricht. Nicht alle werden so selbstbewusst sein wie der lebenserfahrene Mann, der berichtet, dass das Gros der Mitglieder männlich ist und zwischen 20 und 40 Jahren. Unternehmens- oder Rentenberater seien darunter, also durchaus Menschen, die im Job viel sprechen müssen. Vorurteile, dass Menschen mit einer Störung des Sprechablaufs auch sonst Defizite haben könnten, „spuken immer noch in manchen Köpfen herum“, weiß Pitov. Fremde Gesprächspartner sind unsicher, wissen nicht, wie sie umgehen sollen mit der ungewohnten Gesprächssituation. „Ein Stotterer braucht Raum, um seine Sprache artikulieren. Man kann ihm dabei nicht helfen“, betont Pitov. „Lassen Sie ihm Zeit. Achten Sie einfach darauf, was er sagt. Und nicht wie.“ Auch Stotterer müssten lernen, dass sie am Ende überzeugen müssten mit dem, was sie sagen. „Ob ich dabei stottere, ist doch egal, wenn das Ziel des Gesprächs erreicht ist.“ Den jungen Leuten in der Selbsthilfegruppe soll das vermittelt werden. Neben Sprechtechniken, die das Reden flüssiger machen.

Eltern, deren Kinder stottern, rät Johannes Pitov, locker zu bleiben. Aber nicht selbst an der Sprechbehinderung rumzudoktern, nach dem Motto „hol doch mal tief Luft“. Bei Kindern kann eine Stottertherapien schon im Alter von zwei, drei Jahren sinnvoll sein, so die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS). Tatsächlich bleibe Stottern bis ins hohe Alter noch veränderbar.

Die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe unterstützt

Seit 1998 ist der 22. Oktober der „Welttag des Stotterns“. Beim Verein Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe (BVSS, Zülpicher Str. 58, 50674 Köln), 0221 - 139 11 06, info@bvss.de, www.bvss.de gibt es Infos.


Selbsthilfegruppe in Essen: Treffen nach Absprache dienstags, 18 – 20.30 Uhr im Kath. Bildungswerk (Kontakt über BVSS).

 
 

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