WAZ-Leser treten ein in düstere Bunkerwelten

Bettina Kutzner
Hans-Georg Hötger, Vorsitzender des Vereins „Bunkerwelten Mülheim“, mit der WAZ-Besuchergruppe im Tiefbunker am Marienplatz.
Hans-Georg Hötger, Vorsitzender des Vereins „Bunkerwelten Mülheim“, mit der WAZ-Besuchergruppe im Tiefbunker am Marienplatz.
Foto: WAZ FotoPool

Mülheim. Es sind geschätzte 30 Grad Schwüle am Nachmittag, als Hans-Georg Hötger die unscheinbare Metalltür am Marienplatz in Styrum aufschließt, an der zuvor alle achtlos vorbeigelaufen sind. Eine Gruppe WAZ-Leser folgte Hötger, dem ersten Vorsitzenden des Vereins „Bunkerwelten Mülheim“ die lange Treppe hinunter.

Schlagartig sinken die Temperaturen, es wird kühl. Die Luft ist aber erstaunlich gut hier, etliche Meter unter dem Marienplatz. Es riecht nicht muffig oder feucht, wie mancher es erwartet hatte. „50 größere öffentliche Luftschutzanlagen gab es in Mülheim“, hatte Hans-Georg Hötger der Gruppe zuvor erklärt. „Dazu kamen noch 500 private Luftschutzkeller.“ 1940, als der Krieg längst begonnen hatte, gab es nur für 13 Prozent der Mülheimer Bevölkerung Platz in einem Bunker.

Enge Gänge, winzige Zellen

Die Bunkergänge sind eng, aber gut beleuchtet. Tür an Tür liegen die Zellen: winzige, nur wenige Qua­drat­meter kleine Räume. Kein Fenster. Man fühlt die Enge, wenn man nur hineinblickt in die leeren Kabinen. Zwei Stockbetten haben früher darin gestanden, kaum vorstellbar für die meisten Besucher.

Ruth Brück (81), Christel Schröder (74) und Ingrid Holzrichter (76) müssen sich das nicht vorstellen, sie können sich noch gut daran erinnern: „Mit zwölf Personen waren wir hier drin“, sagen die Schwestern Ruth und Christel. Acht Kinder waren sie zu Hause, eine weitere Familie wurde aufgenommen in den winzigen Raum. Später, im Hochbunker an der Meißelstraße, werden die Schwestern „ihre Zelle“ zeigen.

Doppelt so viele Menschen

Der Tiefbunker am Marienplatz war 1941 fertig, sollte 294 Personen Platz bieten. Doppelt so viele waren es, als die Bombenangriffe dichter wurden auf das rheinisch-westfälische Industriegebiet mit den Waffenschmieden des Dritten Reichs. Bis zu elf Stunden mussten die Menschen ausharren, berichtet Hans-Georg Hötger, der nicht nur für die MBI im Stadtrat sitzt, sondern auch pensionierter Geschichtslehrer ist.

Als Pädagoge weiß er, dass man sich an Geschichten besser erinnert als an trockene Fakten. Er wartet mit mancher Anekdote auf: Als es gegen Kriegsende eng wird in den Bunkern, darf man sein Hab und Gut nicht mehr mitbringen, Kinderwagen müssen draußen bleiben. Da hatte eine Mutter ihren Säugling in einen Waschmittelkarton gebettet: „Persilkind“ hieß es fortan. Eine Geschichte stammt aus jüngerer Zeit: In einem der Räume im Tiefbunker an der Kirche St. Mariae Rosenkranz wollte ein Pfarrer ein Schwimmbad für die Pfadfinder einrichten. Bischof Hengsbach war strikt dagegen. Hötger schmunzelt.

In Bunkern, lernen die Besucher, wurde nicht nur ausgeharrt, es wurde gelebt. Eine Küche gab es, einen Aufenthaltsraum, Toiletten (ursprünglich wurde eine für 25 Personen berechnet), Heizung, Lüftung, Telefon . . . „Ich hätte nicht gedacht, dass vieles noch so gut erhalten ist“, staunte Besucher Martin Deli, der Ingenieur ist. „Etliches funktioniert ja noch. Selbst die alten Heizungsventile lassen sich noch drehen.“

Im Hochbunker an der Meißelstraße suchten die Menschen, die einen Bunkerausweis besaßen, seit 1941 auf drei Etagen Schutz. Kindheitserinnerungen für die Styrumerinnen Ruth Brück, Christel Schröder, Ingrid Holzrichter. Ruth Brück findet sofort die Zelle mit der klapprigen Lüftung, „In die habe ich immer mein Kissen gestopft!“ Sechs Mädchen, zwei Jungs waren sie, und wenn’s in den Bunker ging, hatte Ruth den Jüngsten auf dem Rücken. „Ich wollte das unbedingt noch mal sehen“, sagt Schwester Christel.

Mit einem Jahr war sie das erste Mal im Bunker, mit sieben zum letzten Mal. Ruth Brück erzählt, dass sie sich an die Knallerei zu Silvester nicht gewöhnen kann. Und dass sie Angst hat bei Gewitter. Ingrid Holzrichter erinnert sich an den Vater, der einmal von einer Explosion im Gesicht verletzt in den Bunker kam. „Was die Eltern mitgemacht haben! Wir Kinder haben ja alles mitgekriegt.“

Besucher Jochen Zürn wünscht sich eine sinnvolle Nutzung des Hochbunkers als Museum. Denkmalschutz möchte auch der Verein. Damit das Gebäude die Geschichte lebendig machen kann, wenn es die Zeitzeugen nicht mehr können.

Alle Berichte über die Ausflüge von WAZ öffnet Pforten finden Sie auf unserer Spezialseite.