Warten im Verfahrensdschungel

Bitterböse gesehen, so könnte man sagen, dass die Spieler ihrem persönlichen Lebensweg theatralisch folgen: In dem Projekt „Ruhrorter“ sind die Geflüchteten mit ihren Stücken auf Wanderschaft gegangen – von der Peripherie mitten ins Zentrum der Stadt.

Nach Inszenierungen in einer ehemaligen Asylunterkunft an der Ruhrorter Straße und im Ex-Frauengefängnis an der Georgstraße kommt das mittlerweile vierte Stück mit dem Bandwurmtitel „Als Gestern jedes Heute noch das Morgen war und jedes Heute morgen schon zum Gestern wird“ am Freitag, 3. Juni, 19.30 Uhr, im ehemaligen Woolworth-Kaufhaus an der Schloßstraße 35 zur Premiere. Über drei Etagen läuft die Inszenierung – und das Publikum mit.

Dabei treffen elf Menschen mit ihren individuellen Geschichten aufeinander, die mit all ihren unterschiedlichen Wünschen und Erfahrungen eines miteinander teilen: das Ausharren auf der Suche nach einer Zukunft, eingefangen in einem Vakuum der Gegenwart. Eine Situation, die die elf Spieler nur allzu gut kennen, denn alle sind aus ihrer Heimat geflohen, um in Deutschland ein neues Leben zu finden. Sie hängen in der Warteschleife fest: ein banges Warten auf dauerhaftes Asyl und einen neuen Anfang oder auf Abschiebung im schlimmsten Fall. Die meisten Menschen kommen aus Syrien, einer aus Afghanistan und einer aus Indien, erläutert Adem Köstereli. Und die meisten sind um die 20 Jahre, der älteste Teilnehmer ist 38. Auf der Bühne werden die Geflohenen zu Darstellern, lassen das Publikum an ihrem Schicksal teilhaben. In der neuen Inszenierung „geht es stark um Träume und Erinnerungen und das große gemeinsame Thema Warten“, so Dijana Brnic und Adem Köstereli, die verantwortlich für die Inszenierung zeichnen. Wie gehabt, ist das neue Stück wieder als Improvisationstheater mit Beteiligung aller im Kollektiv entstanden. Es kommt ohne viel Sprache aus. Fast nur mit der Ausdruckskraft ihrer Körpersprache erzählen die vier jungen Frauen und sieben Männer ihre persönlichen Geschichten. „Und sie haben weit mehr zu erzählen als nur über eine kurze Phase in ihrem Leben“, weiß Dijana Brnic.

Das Stück ist mittlerweile fertig. „Wir proben jetzt jeden Tag“, sagt Adem Köstereli, „und gehen in die Detailarbeit“. Anders als bei den meisten Theaterstücken, die auf die Situation von Flüchtlingen gucken, kommt beim „Ruhrorter Projekt“ der Anstoß von den Menschen, die nach Mülheim gekommen sind, selbst. Mit den ästhetischen Mitteln der Kunst werden kritische Fragen von Flucht, Asyl und Integration neu verhandelt.

 
 

EURE FAVORITEN