Wahlkampf: Eine Reise durchs Neuland

Noch gut zwei Monate bis zur Bundestagswahl. Zeit, um sich zu informieren. Wer kandidiert, wen kann man wählen? Als multimedial mündiger Staatsbürger googelt man sich durchs Internet. Mal sehen, was passiert, wenn man die Namen der Bundestagskandidaten eingibt. Nicht viel... Die politische Spurensuche im Netz spiegelt die Chancen der jeweiligen Bewerber, tatsächlich in den Bundestag einzuziehen.

Nur bei der Eingabe des SPD-Kandidaten Arno Klare stößt man sofort auf dessen Seite www.arno-klare.de. Dort findet man die Rubriken „Klares Interesse“, „Wahlkreis“, „Vita“ und „Service“. Unter „Klares Interesse“ veröffentlicht der Kandidat kurze Pressemitteilungen. Klare übernimmt auf seiner Seite auch Beiträge aus der Landespartei. Unter „Wahlkreis“ erfahren wir, dass dieser aus Mülheim und Essen-Borbeck besteht und sich der Kandidat regelmäßig Zeit für persönliche Gespräche mit Menschen nehmen möchte. Unter „Service“ wird lediglich wieder auf die Pressemitteilungen hingewiesen. Unter „Kontakt“ findet man eine E-Mail-Adresse und ein Online-Kontaktformular. Unter „Nächste Termine“ wird auf Veranstaltungen in Dortmund und Berlin hingewiesen. Weit weg!

Spannender ist die Rubrik „Vita“, unter der man in Stichworten etwas über den Menschen Arno Klare erfährt, etwa, dass er sich von der Volksschule über die Realschule bis zum Gymnasium und dem Abitur hochgekämpft hat, dass er seinen Zivildienst in der Markuskirchengemeinde unter anderem mit Rasenmähen und Altenbetreuung verbracht hat, um anschließend Germanistik und Philosophie fürs Lehramt zu studieren. Der Mann war also Lehrer und dann Awo-Mitarbeiter, bevor er 1998 als Geschäftsführer der Mülheimer SPD in die Politik einstieg. Kein Wunder, dass er Bildung als zentrales Politikfeld ansieht, „Davon verstehe ich was. Das habe ich gelernt.“

Wer die CDU-Bundestagskandidatin Astrid Timmermann-Fechter per Google sucht, findet keine eigene Internetseite. „Aufgrund technischer Probleme wird die Internetseite www.timmermann-fechter.de erst in Kürze freigeschaltet“, heißt es auf Nachfrage in der CDU-Geschäftsstelle - seit Anfang Juni. In einer Videobotschaft der Essener CDU verweist sie bereits darauf. Ein Foto und ihre Adresse findet man dagegen schon auf einer Seite der Landes-CDU, die wiederum auf die Seite der Mülheimer CDU verweist. Dort findet man Timmermann-Fechter zurzeit aber weder unter „Aktuelles“ noch unter „Köpfe“, sondern nur als Kreisgeschäftsführerin und Mitglied des Kreisvorstandes. So muss man letztlich auf einen Online-Bericht der NRZ zurückgreifen. In dem erfährt man unter dem Titel: „Astrid Timmermann-Fechter kandidiert in Mülheim“, dass sie seit zwei Jahren die Geschäfte der Mülheimer CDU führt, sich auch auf Landesebene einen Namen in der Mitgliederwerbung gemacht hat, seit 1998 der CDU angehört und neben ihrem Parteijob in Mülheim auch stellvertretende Bürgermeisterin in Marl ist und dort bereits 2009 für den Bundestag kandidiert hat.

Wer online etwas über den Direktkandidaten der Grünen, Tim Giesbert, erfahren möchte, muss sich auf die Internetseite der Mülheimer Grünen verlassen. Mit Hinweis auf seine begrenzten Ressourcen, bekennt sich Giesbert dazu, keine eigene Internetseite als Bundestagskandidat einzurichten. Entsprechende Informationen will er nach seinem Urlaub auf die Internetseite seiner Kreispartei einstellen. Schon jetzt erfährt man unter www.gruenemh.de zum Beispiel, dass er Sprecher der Grünen-Ratsfraktion ist, 1980 geboren wurde und sich vor allem mit Jugend- und Kulturpolitik beschäftigt, mehr Bürgerbeteiligung durchsetzen will und in seiner Freizeit gerne liest, ins Theater oder in die Natur geht und es liebt, „mich mit Menschen auszutauschen um andere Perspektiven kennen zu lernen.“

Auch die bereits existierende Internetseite der FDP-Bundestagskandidatin www.susanne-ritterhaus.de findet man bei Google zumindest nicht auf den ersten Blick. Stattdessen stößt man auf den Internetseiten der Mülheimer FDP, sowie auf den Seiten einer Rechtsanwaltskanzlei und in Online-Artikeln auf ihren Namen und erfährt so, dass Susanne Ritterhaus 1968 in Leverkusen geboren wurde, seit 1998 in Mülheim als selbstständige Rechtsanwältin praktiziert und erst 2007 zur FDP fand, wo sie sich heute als Sachkundige Bürgerin der FDP-Fraktion um die Themen Frauen- und Sozialpolitik kümmert. Wer nach längerer Suche noch die Internetseite der Liberalen gefunden hat, erfährt dort unter anderem, dass sie sich gegen eine Zwangsabgabe für den NRW-Stärkungspakt Stadtfinanzen ausspricht und ihrer Freizeit gerne radelt, rudert und Tango tanzt.

Wer den Namen der Linken-Bundestagskandidatin Sylvia von Häfen googelt, stößt zwar auf keine Internet,- aber doch auf eine Facebook-Seite. Auf der erfährt man, dass von Häfen sich ehrenamtlich in der Jugendarbeit engagiert, Rock- Pop und Swingmusik sowie den Film „Viel Lärm um nichts“ mag und sich nicht nur für Politik, sondern auch für Kunst, Kultur und Literatur interessiert. Auf der Internetseite der Mülheimer Linken wird sie etwas ausführlicher vorgestellt, so dass man zum Beispiel von ihr erfährt, dass sie als Krankenschwester arbeitet und sich in den Linken Landesarbeitsgemeinschaften für Gesundheits,- Sozial- und Frauenpolitik engagiert.

Wer bei Google den Namen des Bundestagskandidaten der Alternative für Deutschland, Martin Fritz eingibt, stößt als erstes auf eine Facebookseite des neuen AfD-Stadtverbandes und auf einen Online-Artikel „Fritz war fix.“ Hier sieht man ein Porträtfoto des Kandidaten und erfährt unter anderem, dass sich Fritz auf den ersten Wahlkampf seines Lebens freut und mit 311 Unterschriften genug Unterstützer für eine Bewerbung gewonnen hat.

Und selbst Carsten Trojahn von den Piraten ist nicht mit einer eigenen Seite vertreten, nur mit einer Facebook-Seite. So internetaffin wie es scheint, ist der 1980 geborene Fachinformatiker wohl nicht. Auf abgeordnetenwatch.de harrt noch immer eine ganz interessante Frage vom 12. Mai der Antwort.

 
 

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