Vom Dozenten zum Flüchtling

Seyed Shakib (39) wurde im Iran geboren. Er studierte in Teheran, wo er einen Bachelor und einen Master in Industrie-Design erwarb. Als Dozent lehrte er Angewandte Kunst und Technik. Als er die Möglichkeit bekam, in Deutschland an einem Mathematik und Design Forschungsprojekt zu arbeiten, entwickelte er ebenfalls als freiwilliger Mitarbeiter des Industrie Forum Design in Hannover neue Ideen für einen BMW Elektroauto-Prototyp, der dieses Jahr in München vorgestellt wurde.

Kurz vor dieser Reise publizierte er auch einen Aufsatz, in welchem er die Vorteile von erneuerbaren Energien für Ingenieure und Designer sowie die Gefahren durch die Atomkraft im Iran darstellte. Auf einer Theaterprobe sprachen wir über seinen ersten Tag in Deutschland „Ich bin zweimal in Deutschland angekommen: erst als akademischer Tourist, dann als Flüchtling. Ich besuchte einen Freund in Nürnberg, als ich dringende Nachrichten von meinem Bruder erhielt. Unter der Betreffzeile ‚Sehr wichtig! Wo bist Du?’ erklärte er mir, dass eine Gruppe Unbekannter meine Wohnung verwüstet und viele wichtige Dokumente mitgenommen hatte. Der Grund dafür war vermutlich mein Artikel, aber ich weiß es bis heute nicht.

Meine Familie konnte mich zuerst nicht anrufen, da ihre Telefone abgehört wurden. Mein Visum war nur noch zwei Wochen gültig. Solange könnte ich versuchen herauszufinden, wer mein Zimmer durchsucht hatte: die Geheimpolizei? Kriminelle? Nach zehn Tagen wusste ich immer noch nichts, aber enge Freunde und Kollegen wurden bedroht und nach mir ausgefragt. Also entschied ich, dass ich hierbleiben musste. Es war iranisches Neujahr und ich wurde vom Akademiker zum Flüchtling. Was das bedeutete, war mir noch nicht klar. Ein Anwalt riet mir, mich um Asyl zu bewerben, doch an diesem Tag lief mein Visum ab – und ich wurde ein illegaler Mensch.

Die Ausländerbehörde wollte mich zurück in den Iran schicken, aber dort wurden Freunde und Familie bedroht. Ich hatte Angst zurückzukehren. Also schickte man mich zuerst in ein Übergangsheim nach Dortmund. Ich war in zwei weiteren Heimen für kurze Zeit, bevor man meine Fingerabdrücke in Dortmund registrierte, mir einen vorläufigen Ausweise ausstellte, und ich nach Oberhausen geschickt wurde.

Dort wollte man mich längerfristig unterbringen. Aber als ich ankam, war ich den Tränen nahe, so deprimierend erschien es mir dort. Die erste Person, mit der ich sprach, eine alte Dame, lebte seit 25 Jahren dort. Drei Iraner waren ebenfalls sechs, acht und zwölf Jahre im Heim – mit kaputten Duschen, in dreckigen Zimmern, ohne Versorgung. Wie sollte ich hier arbeiten oder Deutsch lernen?

 
 

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