Versicherung bringt Geburtshilfe in Steißlage

Durch diese Türe müssen sie alle: Mit Ausnahme von Hausgeburten beginnt das Leben meist noch im Kreißsaal, betreut durch Hebammen. Soweit die festangestellt sind, wäre dieser Dienst auch gewährleistet. Bei Vor- und Nachsorge sähe das schon anders aus.
Durch diese Türe müssen sie alle: Mit Ausnahme von Hausgeburten beginnt das Leben meist noch im Kreißsaal, betreut durch Hebammen. Soweit die festangestellt sind, wäre dieser Dienst auch gewährleistet. Bei Vor- und Nachsorge sähe das schon anders aus.
Foto: WAZ FotoPool
Der Berufsstand der Hebamme ist durch Änderungen in einer Haftpflichtfrage ernsthaft in Gefahr. Die Dienste der 33 freien Hebammen in Mülheim könnte dabei auch durch die einzige Geburtsklinik, das Evangelische Krankenhaus nicht auffangen, selbst wenn es wollte.

Mülheim. Hebammen gibt es so lange wie es die Menschheit gibt. Doch die freiberuflichen Hebammen, die auch als sogenannte Beleghebammen im Evangelischen Krankenhaus arbeiten, könnten im kommenden Jahr vor dem Aus stehen, weil sich ihr Berufshaftpflichtversicherer, die Nürnberger Versicherung, im Juli 2015 aus dem Geschäft zurückziehen will.

Der Grund ist einfach. Der Assekuranz wird es zu teuer. „Die Bereitschaft zu klagen, hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Wenn sich das Kind bei der Geburt durch einen Fehler der Hebamme das Schlüsselbein, kann das schon einen Schadensersatz von 1000 Euro nach sich ziehen. Doch bei größeren Schäden, die dazu führen, dass ein Kind dauerhaft pflegebedürftig wird, sprechen wir von Summen von über zwei Millionen.“ So erklärt Dorothee Hammer, die als freie Beleghebamme am Evangelischen Krankenhaus arbeitet, die Angst des Haftpflichtversicherers und damit die Angst ihrer Kolleginnen, ab Juli 2015 ohne Berufshaftpflicht darzustehen. Angesichts des hohen finanziellen Risikos könnte sich Hammer aber keine Tätigkeit als Hebamme mehr vorstellen.

Was bedeutet das für die Praxis der Geburtshilfe?

„Das wäre auf jeden Fall ein großer Verlust. Denn dadurch würde eine empfindliche Lücke im System entstehen, die auch von den festangestellten Hebammen nicht geschlossen werden könnte, weil die freien Beleghebammen den Frauen das Paket einer Rundumbetreuung anbieten können, die auch den Bereich der Vor- und Nachsorge umfasst“, unterstreicht die Chefärztin der Frauenklinik am Evangelischen Krankenhaus, Dr. Andrea Schmidt. Sie weist darauf hin, dass immerhin neun Prozent der Geburten im Evangelischen Krankenhaus von derzeit sieben freien Beleghebammen begleitet werden. Mit Blick auf das Gespräch, dass jetzt Vertreterinnen des Deutschen Hebammenverbandes mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe geführt haben, sieht Schmidt den Bund in der politischen Pflicht, eine grundsätzliche Lösung für das Problem zu finden.

Denn das Evangelische Krankenhaus wäre aus ihrer Sicht finanziell überfordert, wenn es zum Beispiel die Haftpflicht für seine sieben freien Beleghebammen übernehmen oder diese fest anstellen müsste. In der Frauenklinik des Evangelischen Krankenhauses arbeiten neben den freien Beleghebammen auch neun fest angestellte Hebammen. Angesichts der für Juli angekündigten Anhebung der Berufshaftpflicht auf einen Jahresbetrag von 5100 Euro, hatte Gröhe den Verbandsvertreterinnen der 21.000 deutschen Hebammen kurzfristig eine wirksame Entlastung der freien Hebammen und eine langfristige Problemlösung zugesagt. In der kommenden Woche soll eine interne Arbeitsgruppe des Ministerium einen Bericht vorlegen.

 
 

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