Typisch Dorgathen

Immer offen für ein ehrliches Gespräch: Hendrik Dorgathen in seinem Atelier an der Adolfstraße.
Immer offen für ein ehrliches Gespräch: Hendrik Dorgathen in seinem Atelier an der Adolfstraße.
Foto: Fabian Strauch

Mülheim.. „Cool, der Typ“, würde meine 24-jährige Nichte über Hendrik Dorgathen sagen. Und dass der große, drahtige Künstler Mitte 50 mit dem angegrauten Bürstenhaarschnitt, den blauen Augen und dem offenen Lächeln bei jungen Leuten ankommt, steht wohl außer Frage.

Das muss auch so sein, denn der Mülheimer ist seit 2003 Professor für Illustration und Comic an der Kunsthochschule Kassel. „Ja klar lasse ich mich von meinen Schülern auch inspirieren“, sagt Dorgathen. „Wenn sie die Aufnahmeprüfung geschafft haben, die echt schwer ist, dann sind sie schon schwanger und wir sind da, um ihnen dabei zu helfen, das Baby zur Welt zu bringen“. Das Baby namens Kunst.

Geo, Playboy und Pardon

Die Bildergeschichten und Zeichnungen, aber auch viele andere Spielarten der Kunst sind das Metier von Hendrik Dorgathen. Durch seine Arbeit ist er schon viel in der Welt herumgekommen, war u.a. in New York, Los Angeles, Barcelona, Japan und Finnland. Er hat eigene Comicbücher wie „Space Dog“, „Stomp“ und „Slow“ gemacht, arbeitete für Verlage, Animationsfilme, Musiksender, Theater-Inszenierungen, Spielfilme, für die Expo 2000 in Hannover und das Smithsonian-Institut in Washington.

Die Zeitschriften und Magazine, die seine Comics und Illustrationen veröffentlichten, sind erste Adressen: darunter überregionale deutsche Zeitungen, die New York Times, Geo, Bild der Wissenschaft, Rolling Stone, aber auch der Playboy und das Satire-Heft „Pardon“. Mit Comic-Preisen und dem Mülheimer Ruhrpreis ist Dorgathen ausgezeichnet.

Comic-Liebhaber und Literaturkritiker Denis Scheck schätzt den Mülheimer. Als sein Band „Slow“ 2009 herauskam, war es für Scheck eine der besten Neuerscheinung. Die Comics für Erwachsene sind nichts für zart Besaitete, sondern Dorgathen zeichnet darin ein morbides Bild dieser Welt mit einem radikal-haarscharfen Strich. Da mutiert die harmlose Mickey Mouse zu einem fundamental-religiös vernebelten Sprengstoff-Attentäter im Spinnenparadies, bis es „Bumm“ macht. In „Futur“ steht ein Einäugiger wie aus Munchs Bild „Der Schrei“ fassungslos schwankend die Hände ins Gesicht geschlagen auf den Trümmern einer zerstörten Stadt – in den urbanen Überresten ist er umgeben von bedrohlichen Monstern, Außerirdischen und Ufos.

„Wenn ich morgens die Zeitung aufschlage, dann springt mich doch eine einzige Apokalypse an“, sagt Hendrik Dorgathen. Schließlich könne man doch keine Kunst machen, ohne dass sich die Realität darin widerspiegele. „Das heißt aber nicht, dass ich im realen Leben ein böser Mensch bin.“ Doch sieht man sich die Details der zynischen Geschichten aus Science Fiction, Gewalt, Obsession und Weltuntergangsszenario in knalligen Farben näher an, entdeckt man die menschliche, melancholische, sensible Seite mit der Suche nach dem Sinn und der Frage nach dem Warum darin.

Unterstützung von der Familie

Vielleicht rührt das auch daher, dass Dorgathen sein zunächst begonnenes Studium der Ev. Theologie nach zehn Semestern schmiss, um Kommunikationsdesign an der Gesamthochschule Essen zu studieren. Dabei wie auch bei all den Dingen, die er in seinem Leben gemacht habe, „ist es ein großer Vorteil, eine Familie zu haben, die mich immer unterstützt hat“. Und er habe schon „extrem viel gearbeitet“. Drei Tage hier, drei Tage da: Der Professor pendelt zwischen Kassel und Mülheim. Ein Umzug in die nordhessische Metropole kommt für ihn aber nicht in Frage. „Ich lebe gerne in Mülheim. Hier ist meine Familie, das Haus und der Garten.

Als ein streitbarer und konstruktiver Querdenker ist Dorgathen bekannt. Einer, der wie in seinen Comics trefflich formuliert, sich auch mal einmischt, klare Kante spricht, „weil ich lokalpolitisch vieles anders sehe“. Das kommt nicht überall gut an. Deshalb habe nicht damit gerechnet, freue sich aber besonders darüber, dass er im Kunstmuseum eine Einzelausstellung bekommt, „zu Lebzeiten“. Typisch Dorgathen. Das Leben hält doch manchmal überraschend Gutes bereit.

Das Kunstmuseum widmet Hendrik Dorgathen ab 26. August eine Einzelausstellung unter dem Titel „Serious Pop“. Zu sehen ist ein Überblick über die ganze Bandbreite seiner Arbeiten, ein „Best of“.

Das neue Buch „Holodeck“ wird zur Ausstellung präsentiert.

 
 

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