Theater verbindet

„Jiiiiiha“ - ist es ein Triller oder mehr ein Juchzer? Es ist auf jeden Fall ein Freudenschrei. Immer wieder erklingt er, als die kurdische Musikgruppe Silvana aufspielt. Zuerst von den Sängern. Und dann, nach ein paar Minuten, wird auch aus dem Publikum geantwortet. Die Kinder sind die Ersten, die sich zum Rhythmus der Musik bewegen, doch dann wagen sich auch die Erwachsenen auf die Tanzfläche. Sie legen die Arme über die Schultern von Nebenmann oder Nebenfrau - und los geht es. Der Tanz erinnert an den griechischen Sirtaki. Immer mehr Menschen reihen sich in den Kreis ein. Da macht in der zweiten Reihe eine Frau mit Kopftuch ein Zeichen. Sie spreizt ihre Finger zum Peace-Zeichen: Frieden.

Es sind die Gesten, die diesen Sonntagnachmittag im Ringlokschuppen zu einem besonderen Erlebnis machen. Ganz getreu der Devise des „Kleinen Prinzen“: „Nur mit dem Herzen sieht man gut.“ Das war auch der Grund, warum die Initiative „Willkommen in Mülheim“ eine Aufführung dieses Stückes von Antoine de Saint-Exupéry zum Anlass für eine solche Begegnung zwischen Flüchtlingsfamilien und Mülheimern genommen hat. Aber die Aufführung durch das Tourneetheater Hamburg ist eben nur der Anlass. Das eigentliche Hauptprogramm findet in den Pausen statt. Über 300 Menschen sind gekommen. Gut zwei Drittel von ihnen sind Flüchtlinge. Ursprünglich war mit an die 400 Teilnehmern gerechnet worden. Doch in Folge der Grippe-Welle hatte es in den letzten Tagen noch viele Absagen gegeben. Trotzdem: Die Kommunikation funktioniert. Etwa dann, wenn die Menschen am Stand der Hamza Moscheegemeinde zusammenstehen, Kuchen essen und Kaffee trinken. „Wir haben die letzten Tage ziemlich viel gebacken“, erzählt Janny Nebgaoui lachend. Sie gehört mit ihrem Mann Benazzi und den beiden Kindern Zinedine und Anessa zu der Gemeinde, die an der Friedrichstraße ihren Sitz hat. „Wir haben erst recht kurzfristig von diesem Ereignis erfahren, aber dann wollten wir unbedingt mitmachen.“

Spontanität und Improvisationskunst - das waren in den vergangenen Tagen in der Tat Fähigkeiten, die von WiM-Organisator Reinhard Jehles und seinen rund 30 Mitstreitern von der Initiative gefordert waren. Natürlich haben sie das Angebot der Moschee-Gemeinde gleich angenommen. Aber auch am Sonntagmorgen selbst war noch schnelles Reaktionsvermögen gefordert: Denn bis die kurdische Musikgruppe Silvana tatsächlich eingetroffen war, war noch nicht ganz klar, aus wie vielen Musikern sie sich denn tatsächlich zusammensetzt. „Wir hatten mit vier Personen gerechnet. Am Ende waren es 15.“ Doch auch das war kein Problem. Kurzerhand wurde die Bühne im kleineren Saal, in dem nicht das Theaterstück gezeigt wurde, für die Musik freigeräumt. Und so war denn hier auch genug Platz zum Tanzen zu den kurdischen Freiheitsliedern.

Dass Pläne nicht alles sind, sondern die Haltung und Einsatzbereitschaft der Menschen zählen, die sich engagieren, diese Erfahrung hat Reinhard Jehles von Anfang an gemacht. Und genau diese Grundhaltung fasziniert ihn auch an dem Herz-Zitat des „kleinen Prinzen“: „Ich bin kein Intellektueller, sondern ein Handwerker. Für mich ist das Engagement für Flüchtlinge in dieser Stadt kein Wunder, sondern das Ergebnis guter Arbeit. Das ist wie bei einem Getriebe. Eine Zahnrad fügt sich in das andere. Zu diesen Zahnrädern gehören auch die vielen Gruppen, die uns hier unterstützen - von der Stadt über Feuerwehr und Rotes Kreuz bis zur Saarner Credo-Gemeinde. Jedes Getriebe braucht aber einen Antrieb. Und der gemeinsame Antrieb ist eben die Herzlichkeit.“

Und dieses Gefühl drückt sich offenbar in einer Sprache aus, die international verstanden wird. Wurden die Grußworte von Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld und Ringlokschuppen-Chef Matthias Frense, die beide allen Beteiligten dankten, noch ins Arabische und Kurdische übersetzt, so wurde das Stück selbst - nach kurzen Einführungen in den beiden Fremdsprachen - doch vollständig in Deutsch gespielt. Doch auch hier wirkten die Gesten. Vor allem eine: das Lachen. Als der „kleine Prinz“ kurz nach Beginn der Aufführung kurz aufjuchzte, stimmte gleich der ganze Saal mit ein. Die Ersten waren, wie beim Tanz, die Kinder.

 
 

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