Theater-Kollektiv spielt Stück über die Vergänglichkeit

Mit den brummenden Trockenhauben beginnt das Ensemble die Geschichte der Gertraud Stock.
Mit den brummenden Trockenhauben beginnt das Ensemble die Geschichte der Gertraud Stock.
Foto: Paula Reissig
Das Kollektiv „Vorschlag:hammer“ zeigt berührendes Stück übers Älterwerden, über die Zeit und Vergänglichkeit. Premiere im Ringlokschuppen.

Mülheim. Was bleibt, wenn man die letzten Runden seines Lebens dreht? Wenn der aktive Radius kleiner wird, dann werden die inneren Räume größer. Da ist es an der Zeit, mit dem ganzen Schatz von Erfahrungen auf die Reise zu gehen, die kleinen, funkelnden Preziosen, die großen Pannen und die Zustände dazwischen auszuloten. Und spätestens, wenn die geheimnisvolle Naschi-Schublade aufgeht, das Piccolöchen prickelt zwischen Eichenfurnier, Fernseh-Sessel und Sofakissen mit Kniff, dann ist Nostalgie, gepaart mit einem guten Spitzer Melancholie im Ringlokschuppen angesagt.

Mit Kristofer Gudmundsson, Gesine Hohmann, Stephan Stock und Olivia Wenzel sind es gerade die jungen Leute vom Theaterkollektiv „Vorschlag:hammer“, die ihr Publikum in einem berührenden Kammerspiel charmant mit auf die Reise des Lebens nehmen. Elf Biografien älterer Menschen haben sie zu einem Abend über die erfundene Geschichte der 84-jährigen Gertraud Stock verwoben. Entstanden ist ein Stück über eine Frauen-Generation, wie wir sie vielleicht noch alle kennen. Alles beginnt mit den guten alten Trockenhauben, die sich brummend wie zu Jahrmarktluftballons aufpusten.

Mit 19 Jahren unter die Haube gebracht

Es ist das ganz normale Leben der Gertraud Stock aus dem Schwarzwald, die mit 19 Jahren unter die Haube gebracht wurde und es schaffte, beim vierten Kind „erfolgreich eine schmerzfreie Geburt zu absolvieren“. Der es viel zu spät aufging, wichtige Entscheidung zu treffen, die den SA-Aufmarsch auf dem Weg ins Kino und die sexuelle Erfüllung ganz zufällig ohne Mann erlebte. Eingeflochten sind politische Ereignisse wie der Besuch des persischen Schahs 1967, die Studentenproteste, die aufkommende RAF. Gertrauds Leben verlief fast schablonenartig für die damalige Frauen-Rolle – ohne Stimme und Rechte.

Während sich viele Theaterstoffe mit den existenziellen Themen Zeit, Tod und Sterben beschäftigen, gibt’s in diesem intensiven Stück keine Distanz bis zur ersten Zuschauer-Reihe. Auge in Auge, Blick um Blick sind die Spieler nah am Publikum dran, das direkt vor ihnen auf einer Art Podest sitzt. Für diesen intimen Abend wurde die Zuschauerzahl bewusst klein gehalten. Später wird das Publikum durch verschiedene Wahrnehmungs-Räume als Lebensstationen geführt. In kuscheliger Enge werden die Gefühlsnerven gut und gerne getriggert. Fantasievoll und kreativ sind die Bühnenbilder in den zeltartigen Stationen aufgebaut. Auf alt gemachte Familienfilme flimmern als Erinnerung an junge Gesichter und ausgelassene Tage im Strandbad, ans Planschen im Wannsee, gemeinsame Kuchenbacken und an das vergebliche Auspusten der Kerzen auf der Geburtstagstorte. Mit komischen Momenten wird dieses Theatererlebnis der anderen Art aufgelockert.

Ein bereichernder Abend, der noch lange nachwirkt, über Zeit und Vergänglichkeit – bis zum versöhnlichen bitter-süßen Ende inklusive Karamellbonbon in Goldfolie.

Spitzenförderung vom Land

Weitere Vorstellungen der „Erfindung der Getraud Stock“ gibt’s am heutigen Samstag und am morgigen Sonntag, jeweils 18 Uhr und 20.30 Uhr. Karten: Vvk 12 Euro/erm. 6 Euro, Ak 15 Euro/erm. 8 Euro/Gruppe 5 Euro, Reservierung: Tel.: 99 31 60.

Das Kollektiv „Vorschlag:hammer“ ist für seine außergewöhnlichen Arbeiten in die Spitzenförderung für Theater Ensembles des Landes NRW aufgenommen worden. In Koproduktion mit dem Schuppen entstand zuletzt „Die Leiden der jungen Wörter“ 2015.

 
 

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