Tauziehen um roten Teppich

Andreas Heinrich
Foyer am Kammermusiksaal in der Stadthalle, im Bild:  Prof. Hans-Hermann Hofstadt (Architekt).
Foyer am Kammermusiksaal in der Stadthalle, im Bild: Prof. Hans-Hermann Hofstadt (Architekt).
Foto: Lars Heidrich

Mülheim. Nicht immer steht ein roter Teppich für Glanz und Gloria. Zum Beispiel nicht jener, der in der Stadthalle zum Kammermusiksaal führte. Als die Sanierungen zum Foyer begannen, ließ die zuständige Hallen- und MST-Chefin Inge Kammerichs den roten Teppich herausreißen – und weg damit.

„Unansehnlich, muffig, verschlissen“, urteilte sie und handelte, wie wohl jeder es bei einer Renovierung machen würde. Dass jedoch auch der rote Teppich aus den 50er-Jahren in dem Bau aus den 20er-Jahren unter Denkmalschutz stand, ahnte sie nicht.

Rote Teppich stammt aus den 50er-Jahren

Der städtische Denkmalschützer Erich Bocklenberg mokierte dies denn auch, als er die Arbeiten begutachtete. Der rote Teppich, sagt er, gehöre eben auch zu den 50er-Jahren, in denen die Stadthalle nach Kriegszerstörung wieder hergerichtet worden war. „Uns war es wichtig, dass bei der Sanierung nicht nur die äußere Architektur an die 20er-Jahre erinnert, sondern auch deutlich wird, dass im Inneren vieles durch die 50er-Jahre geprägt ist. Davon haben wir nicht viel in Mülheim“, sagt Bocklenberg und ist überzeugt: „Es gibt rote Teppiche, die zweckmäßig und hoch strapazierfähig sind.“

Eben die Zweckmäßigkeit in einem Bereich, in dem viele Besucher an vielen Tagen mit Getränken in der Hand flanieren, vielleicht auch mal etwas essen, zweifelte die Hallenchefin an – und ließ fliesen, und das so gut, dass sie auch Lob erntete.

Ansprüche der heutigen Zeit

Für den Architekten Prof. Dr. Hans-Hermann Hofstadt, der die MST bereits bei der Sanierung der Camera Obscura, beim Haus Ruhrnatur und jetzt bei der Stadthalle beriet, stellt sich bei der Sanierung von Denkmälern stets die Frage: „Will ich einen restaurativen oder einen lebendigen Denkmalschutz realisieren?“

Ein lebendiger Denkmalschutz muss aus seiner Sicht mit den Ansprüchen der heutigen Zeit einhergehen. Das macht es für beide Seiten nicht leicht. Dabei sagt Bocklenberg, dass der Denkmalschutz immer auch das Machbare und die ökonomische Seite im Blick habe. Am Ende können nicht immer alle zufrieden sein: „Mitunter ist es schon schwierig, mit dem Denkmalschutz zu einer guten und zielführenden Lösung zu kommen“, meint Hofstadt.

Auf einem guten Weg

Dennoch: Unterm Strich ist aus Sicht des Architekten die Sanierung unglaublich gut gelungen. Das Urteil gilt auch dann, wenn der neue teure Fliesenboden nun doch wieder unter einem roten Teppich verschwinden wird. Der Denkmalschützer sagt: „Wir sind auf einem guten Weg.“

Der Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus GmbH ist es mit Hilfe des Innenarchitekten Georg Müller gelungen, aus einem „nicht mehr ansehnlichen“ Entree zum Kammermusiksaal einen Ort mit Charme und Aufenthaltsqualität zu machen. Die Brandschutzauflagen werden nun erfüllt, die Elektrik wurde komplett überholt, die Heizungsanlage ebenso, die Wandspiegel wurden erneuert wie die Beleuchtung. Viel Zeit und Geld wurden in die Aufarbeitung von historischen Details investiert, Türen ohne Nutzung verschwanden. Energietechnisch, sagt Müller, sei dies wohl jetzt der umweltfreundlichste Ort in der Stadt.

180.000 Euro sind bislang investiert. Eine Möblierung, die flexibel einzusetzen sein wird, folgt. Wie im Musiksaal selbst wird man auf Eiche setzen. Von einem „Kleinod“, das entstanden ist, spricht der Innenarchitekt. Die MST-Chefin von einem Ort, der endlich wieder vermarktet werden kann, und das mit eigenem Eingang, losgelöst von der restlichen Stadthalle. Inge Kammerichs denkt dabei nicht nur an Musik, sondern auch an Lesungen, Vorträge, Kolloquien, Workshops, Feiern. 200 Plätze bietet der Saal.