Stadt Mülheim will dem ÖPNV-Gutachtern folgen

Die Straßenbahnlinie 104 an der Bismarckstraße: Die Stadt will nun noch mal prüfen, die Strecke an der Wertgasse zu kappen.
Die Straßenbahnlinie 104 an der Bismarckstraße: Die Stadt will nun noch mal prüfen, die Strecke an der Wertgasse zu kappen.
Foto: FUNKE Foto Services
Stilllegung des Kahlenberg-Astes, Straßenbahn nach Saarn, Alternativen zum Tunnel: All das soll nun geprüft werden, wenn die Politik mitfährt.

Mülheim. Wahrscheinlich war die Debatte um die Zukunft des Mülheimer Nahverkehrs noch nie so verworren wie aktuell. Die Beschlüsse des Nahverkehrsplan 2013 sind nicht einmal komplett umgesetzt, da stehen sie – auch durch das jüngst vorgelegte Gutachten zum Schienenverkehr – schon wieder zur Disposition. Mittendrin versuchen die Verkehrsplaner der Stadtverwaltung die Balance zu wahren – ein aktueller Sachstand.

In der vergangenen Woche kam das Amt für Verkehrswesen aus der Deckung und präsentierte der Politik einen Beschlussvorschlag, der eine mittel- bis langfristige Perspektive für Mülheims ÖPNV aufzeigen soll. Vielleicht gar schon kurzfristig, heißt es da etwa, soll auf dem Kahlenberg-Ast keine Straßenbahn mehr rollen. Mit Bezirksregierung und VRR will die Stadt verhandeln wegen der Fördermillionen, die noch an die Strecke gebunden sind. Perspektive 2, die ebenfalls dem frischen Gutachten folgt: Die Linie 102 soll künftig ab ­Broich möglichst nach Saarn und nicht mehr zum Uhlenhorst rollen. Eine Untersuchung soll klären, ob und wie das in sicher fernerer Zukunft möglich werden könnte.

Gutachter: Umstieg auf Bus zu teuer

Jene Straßenbahnpläne sollen laut Gutachter helfen, zu einer jährlichen Einsparung bei der MVG von 3,1 Millionen Euro zu kommen. Kahlenberg-Schienen weg, dafür eine Bahn nach Saarn – die Stadt hofft mit dieser Strategie von Zuckerbrot (Saarn) und Peitsche (Kahlenberg) offenbar auch die straßenbahnfreundliche Bezirksregierung auf ihre Seite zu ziehen. Es bleibt verwaltungsintern der Widerstand derer um Beteiligungschef Hendrik Dönnebrink, die einen Nahverkehr ohne Bahnen bevorzugen. Ihm haben die Gutachter allerdings nicht nur vorgerechnet, dass der Umstieg bedeuten könnte, circa 200 Millionen Euro Fördermittel zurückzahlen zu müssen. Die Gutachter prognostizieren für einen reinen Busbetrieb ein Fahrgast-Minus von 20 Prozent, mehr Umweltbelastung und Konflikte mit Bezirksregierung und Nachbarstädten, die in den Schienenstrecken auch ihr eigenes ÖPNV-Angebot haben.

Für einen weiteren Prüfauftrag bittet die Verwaltung um politische Unterstützung: Es soll gerechnet und getüftelt werden, wie alle unterirdischen Strecken ans Tageslicht geholt werden können, um irgendwann von den hohen Unterhaltungskosten der Tunnel (U18, Ruhrtunnel) wegzukommen.

All diese Szenarien sollen in einem Zeitraum bis zum Jahr 2040 gedacht werden. Im Mobilitätsausschuss am 27. Juni soll das Gutachter-Konsortium mit einer Präsentation untermauern, dass jene Marschrichtung die richtige ist, sowohl aus verkehrlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht.

MBI fordern Moratorium für ÖPNV

Die Mülheimer Bürgerinitiativen fordern einen Beschluss des Stadtrates, die Umsetzung des Nahverkehrsplanes unverzüglich zu stoppen. So soll Raum bleiben für eine städteübergreifende Nahverkehrsplanung mit dem Fernziel eines einzigen Nahverkehrsunternehmens für die Region.

In Mülheims Nahverkehrplanung sehen die MBI „eigenbrötlerische Einzelentscheidungen“, die kontraproduktive Fakten schüfen gegen einen kundenfreundlichen, städteübergreifend funktionierenden ÖPNV. Die Fraktion fordert Beschlüsse pro Bahn-Infrastruktur: keine Stilllegung des Kahlenberg-Astes, die Wiederinbetriebnahme der Flughafenstrecke, die Verlängerung der 104 bis Helenenstraße in Essen, die Anbindung der Hochschule durch die U18 und eine Trassen-Prüfung für eine Straßenbahn nach Saarn.

SPD zweifelt an der oberirdischen Streckenführung

Die SPD thematisiert für den nächsten Umweltausschuss die von den Gutachtern attestierte zusätzliche Umweltbelastung bei einem Komplettumstieg von Bahn- auf Busverkehr. Auch die Frage, ob Tunnelstrecken oberirdisch geführt werden können, beschäftigt die SPD. Ist das stadtplanerisch nicht mit erheblichen Problemen verbunden? Die Verwaltung soll aufklären. Darüber hinaus fordern die Genossen von der Verkehrsplanung der Stadt ein Konzept, wie für Anwohner südlich der B1 (Fischenbeck, Rumbachtal, Tink­rathstraße etc.) künftig ein regelmäßiges Nahverkehrsangebot gen Heißen-Mitte geschaffen werden kann, nachdem der Bus 132 dort nicht mehr verkehrt.

CDU: Wo bleibt eine in der Verwaltung abgestimmte Stellungnahme?

Die CDU treibt noch etwas ganz anderes um: Sie vermisst zum aktuellen Gutachten eine abgestimmte Positionierung der Verwaltung, die insbesondere auch die Fachmeinung des Verkehrsdezernats abbildet. Letztere sei bislang nicht veröffentlicht.

Hartmut Sterbeck und Joachim Linke von der Wählerinitiative „Wir aus Mülheim“ lehnen weitere Einschnitte im Straßenbahn-Angebot kategorisch ab. Ein Ersatz durch Busse sei angesichts der Debatten um Klimaziele und Luftreinhaltung widersinnig. Ziel der Mülheimer Nahverkehrspolitik müsse sein, den Individualverkehr einzuschränken, indem jeder Bürger über den ÖPNV sein Fahrziel erreichen könne. Die Bus-statt-Bahn-Debatte lehnt das Bündnis ab. Die Stadt habe dafür Sorge zu tragen, dass beide Verkehrsmittel miteinander harmonieren. Strecken seien auszubauen, Takte zu erhöhen, um „den lahmenden Gaul MVG“ wieder in Gang zu bekommen.

 
 

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