Stadt bleibt beim Aus für die 110

Die Straßenbahnlinie 110 auf dem Weg von der Friedrich-Wilhelms-Hütte gen Styrum.
Die Straßenbahnlinie 110 auf dem Weg von der Friedrich-Wilhelms-Hütte gen Styrum.
Foto: Stephan Glagla / WAZ FotoPool

Mülheim. In der Frage zur Zukunft des Mülheimer Straßenbahnnetzes zeigt sich die Fachverwaltung der Stadt unbeeindruckt von den Einwänden und anderslautenden Vorschlägen aus Politik und Bürgerschaft. Weiterhin beharrt sie auf den Plänen, die Linie 110 und den Flughafen-Ast der 104 stillzulegen und durch eine neue Buslinie zu ersetzen. Desweiteren unverändert geplant: Die 104 soll künftig an der Wertgasse enden, die 112 soll über den Kaiserplatz hinaus zum Hauptfriedhof fahren.

Zur Begründung ihrer Pläne verweist die Verwaltung auf eine Fahrgastzählung, wohlgemerkt aus dem Jahr 2008. Beispiel Linie 110: „In der Nahverkehrsbranche allgemein akzeptiert“ sei, dass der Einsatz von Straßenbahnen nur angebracht ist, wenn im Querschnitt aller Haltestellen 2000 Fahrgäste pro Tag das Angebot nutzen. Die 110 sei von diesem Nachfrage-Soll weit entfernt. Auf keiner einzigen Strecke zwischen zwei Haltestellen erreichte der Wert nur annähernd die Vorgabe.

Qualität des Nahverkehrs

Die Spitze lag bei 1252 Fahrgästen am Tag zwischen den Haltestellen Sandstraße und dem S-Bahnhof in Styrum. Naturgemäß die schlechtesten Werte wurden für die Endäste ermittelt, nur 76 Fahrgäste waren es am Hauptfriedhof. Für die Linie 104 weisen die Zahlen bereits eine stark abfallende Fahrgastzahl ab dem Oppspring aus, besonders schwach ist die Auslastung zwischen Tilsiterstraße und Flughafen: unter 1000 bis zu 250 Fahrgäste pro Tag bis zur Endhaltestelle.

Sind die 2008er-Zahlen repräsentativ? Sind vielleicht auch der schlechte Zustand der Straßenbahnwagen, mangelnde Sauberkeit und Barrierefreiheit Gründe dafür, dass die 110 auf relativ wenig Nachfrage stößt? Diesbezügliche Anmerkungen hat es bei den Bürgerversammlungen zur Zukunft des ÖPNV Ende November gegeben. Des Bürgers Wortmeldungen zu Sauberkeit, Verspätungen und technisch bedauernswerten Standards, kurzum: zur Qualität des Nahverkehrs, aber spart die Stadt in der aktuelle Diskussion zum Liniennetz aus.

Ausbleibende Investitionen

Vorschläge zum Erhalt der 110 und der Flughafenstrecke weist die Verwaltung partout zurück. Der Ersatz der Straßenbahn 110 durch einen Bus (Friesenstraße – Flughafen) bringe der Stadt nicht nur die gewünschte Kosteneinsparung im Betrieb und im Investitionshaushalt, sondern auch mehr Qualität im Angebot. Einerseits werde die neue Buslinie den Stadtteil Styrum besser bedienen (Fahrt über die Moritzstraße, Schloß Styrum). Andererseits werde Mülheims Osten durch die Linienführung erstmals direkt an den Hauptbahnhof angebunden. Das verspreche mehr Kunden – und mehr Einnahmen.

Das zweite von der Stadt vorgebrachte Argument pro Bus dürfte die ärgern, die den großen Investitionsstau im Straßenbahn-Fuhrpark schon lange kritisieren. Eine Buslinie 110, so die Stadt, biete mit Niederflurbussen bessere Einstiegsmöglichkeiten für Fahrgäste. Jüngst hatte selbst die Düsseldorfer Bezirksregierung sich aufgefordert gefühlt, Mülheims ausbleibende Investitionen in Niederflurbahnen scharf zu kritisieren.

Anbindung ans Zentrum

Busse erst mal ein Jahr auf Probe, um bei Bedarf doch auf die Schienen zurückzugehen? Nein! Straßenbahnen sind komfortabler, umweltfreundlicher -- ja, aber: Die 110 soll eingespart werden. Busse sollen rollen. Das einzige Zugeständnis, dass die Verwaltung nach den Bürgerversammlungen zu machen bereit ist: Sie will prüfen, ob die Buslinie über die Friesenstraße hinaus zum Ruhrstadion verlängert werden kann.

Am anderen Ende der Linie in Raadt sieht die Verwaltung ohnehin keine Widerstände: Zwar habe eine dortige Bürgerinitiative knapp 1800 Unterschriften eingereicht – im Kern aber gehe es den Unterzeichnern nicht um den Erhalt der Straßenbahn, so Verkehrsplaner Roland Jansen, sondern um eine Anbindung im 20-Minuten-Takt ans Zentrum. Das sei durch die Buslinie gewährleistet – und entspreche der Nachfrage.

Busbedienung ist angemessen

Dass die Straßenbahn 110 nicht mehr lange rollt, scheint am ehesten politisch konsensfähig zu sein. Allerdings dürfte die Bezirksregierung hier noch ein gewichtiges Wort mitreden. Sie hat angedeutet, dass sie ohne Abstriche Fördermittel in Millionenhöhe zurückfordern wird, sollte die Stadt an die 110 Hand anlegen.

Die Fraktion der Grünen hat die politische Konkurrenz für Ende Februar zu einem Runden Tisch eingeladen, um über ein konsensfähiges Linienkonzept fernab der Verwaltungsvorlage zu sprechen. Zusagen gibt es laut Axel Hercher, dem verkehrspolitischen Sprecher der Grünen, von den MBI, der Piratenpartei und der SPD. Die Grünen wollen gerne den Südast der Straßenbahn 110 erhalten, die SPD hat zumindest einen Auftrag an die Verwaltung formuliert, die Realisierbarkeit einer Ringlinie 112 über den Kaiserplatz hinaus über Oppspring und Bismarckstraße zu untersuchen. „Die Frage ist“, so Hercher, „wie ernst es der SPD damit ist.“ Vorschläge zu einer Ringlinie über den Südast der 110 von MBI und eines Mülheimer Bürgers, der als Verkehrsplaner im östlichen Ruhrgebiet arbeitet, weist die Verwaltung entschieden zurück. Zu teuer sei die Instandsetzung der Strecke. Wiederholend heißt es: „Eine Busbedienung mit Standardbussen mit 20-Minuten-Takt zwischen Styrum und Flughafen ist angemessen.“

Weitere Vorschläge und Stellungnahmen der Stadtverwaltung:
Verlängerung der 112
zum Flughafen: Dafür gebe es nicht ausreichend Niederflurbahnen.
Verlängerung der 102 zur Saarner Kuppe: Als erster Schritt sei eine Verlängerung bis zur Alten Straße zu prüfen.
Verlängerung der U 18 bis zur neuen FH: Technisch nicht umsetzbar. Stadtbahnwagen und Wagen der 901 fahren auf unterschiedlicher Regelspur.
Verlängerung der 104 über Abzweig Aktienstraße hinaus bis zum Umstiegspunkt Helenenstraße oder zum Hauptbahnhof Essen: Das muss die Stadt Essen entscheiden. Diese lehne es ab, da sie am Abzweig schon bessere Anschlüsse geschaffen habe.
Reaktivierung der Straßenbahn am Kassenberg entlang: Die Fahrt mit der 102 über ­Broich nach Saarn dauere nur ein, zwei Minuten länger, bediene aber mehr potenzielle Kunden an der Strecke.