„Ruhrbania dauert viel zu lange“

DerWesten
Gernot Schulz ist seit 40 Jahren als Geschäftsmann an der Leineweberstraße tätig. Foto: Lars Fröhlich
Gernot Schulz ist seit 40 Jahren als Geschäftsmann an der Leineweberstraße tätig. Foto: Lars Fröhlich
Foto: WAZ FotoPool

Fast auf den Tag genau 40 Jahre lang hält Herrenausstatter Gernot Schulz der Leineweberstraße nun schon die Treue. Das Selbstständig-Sein war früher einfacher als heute, zur Zeit der großen City-Krise.

Mit dem Inhaber von MSM Herrenmoden sprach Mirco Stodollick über Erlebtes am und Wünschenswertes für den Einzelhandelsstandort.

Wie sah das Geschäftsleben 1970, als Sie Ihren Laden eröffneten, auf der Straße aus?

Schulz: Auf jeden Fall bevölkerter. Die Leineweberstraße war eine sehr schöne Geschäftsstraße mit vielen kleineren, inhabergeführten Geschäften. In den 70er Jahren war die Straßenbahn voller als heute, es gab eine zweispurige Straßenführung. Wir waren sehr angetan davon, dass es zu einer Spur wurde. So konnten Fußgänger leichter die Straße queren. Das machte es auch den Geschäften einfacher.

40 Jahre ist eine lange Zeit. Was hat sich verändert?

Sehr viele kleinere, inhabergeführte Geschäfte haben sich aus der Stadt verabschiedet. Es war und ist schwierig, neue Geschäfte hierhin zu bekommen. In den 40 Jahren hat sich die Struktur des Handels verändert, der Bedarf der Kunden, die Flexibilität der Kunden, die heute mit dem Auto überall schnell hinkommen. Wir haben uns auf die Kundenwünsche eingestellt, haben eine jüngere Schiene aufgebaut und versucht, Modemarken zu führen wie die großen Filialläden.

Ihr Geschäft lebt sicher von Stammkunden, oder?

Wir leben heute, anders als früher, nicht von Laufkundschaft. Mit der Zeit haben wir uns eine Stammkundschaft aufgebaut, die uns treu ist. Wichtig für uns ist Mund-zu-Mund-Propaganda zufriedener Kunden.

Sind Sie mit dem Standort noch zufrieden?

Es ist nicht einfach, aber zurzeit müssen wir uns nicht auf einen Abschied vorbereiten. Wir rechnen damit, dass die Innenstadt wieder belebter wird.

Das Traditionshaus von der Linden hat verkündet, nach 170 Jahren müsse Schluss sein an der Leineweberstraße. Zu gewaltig seien die Umsatzeinbußen in Folge vieler Baustellen und der schlechten Erreichbarkeit der City.

Dazu kann ich mich nicht äußern. Frau von der Linden hatte das große Risiko, sehr weit abseits vom Kern zu sein. Dieser Kern hört, seit der Kaufhof geschlossen ist, an der Friedrich-Ebert-Straße auf.

Ruhrbania, Ruhrbanium. Lohnt es, eine Durststrecke auszuhalten?

Wir müssen ja schon einige Zeit damit leben. Leider dauert es mit Ruhrbania und Ruhrbanium viel zu lange. Mülheim hat zu spät, zirka zehn bis 15 Jahre, angefangen. Wir hoffen, dass sich unten an der Schloßstraße möglichst schnell was tut. Andere Center sind aber so nah, dass sich viele Geschäfte, die dort sind, kaum noch zusätzlich hier ansiedeln werden. Damit es schneller geht, sollte der Kaufhof nicht abgerissen, sondern umgebaut werden. Ruhrbania sehe ich positiv. Ruhrbania wird Menschen in die Stadt bringen, die bummeln.

Das City-Management der MST hatte mal eine Interessen- und Standortgemeinschaft für die „Leineweber“ ins Gespräch gebracht, bei der alle Akteure des City-Handels an einen Tisch geholt werden sollten. Zu hören ist davon nichts mehr.

Dafür gab es einfach zu wenig Mitstreiter. Die MST sieht aber auch in erster Linie die Schloßstraße, die sich in ihrer Gestaltung Gott sei Dank auch positiv entwickelt hat. Aber das ist es nicht alleine. Wir müssen versuchen, dieses Engagement auch auf die Leineweberstraße zu bekommen. Mit ihrer breiten Seite bietet sie sich für Veranstaltungen an, etwa für den Weihnachtsmarkt mit einer Achse zur Altstadt. Es war auch ein Fehler, den Kulinarischen Treff an die Ruhranlagen zu verlegen. So wird die Innenstadt „entfrequentiert“.

Was bräuchte es, um den Handel an der Leineweberstraße zu unterstützen?

Frequenz. Frequenz durch Aktionen, die man meint, nur zur Schloßstraße bringen zu müssen. Auch könnten Parkflächen anders gestaltet werden, damit mehr Autos Platz finden. Nicht jeder mag ins Parkhaus fahren. Er möchte, wenn er im Vorbeifahren was sieht, dort sein Auto abstellen können – siehe Saarn.

Die SPD hat erst jetzt wieder gefordert, die Straße für Verkehr aus beiden Richtungen zu öffnen. Dafür müssten die Bäume an einer Seite der Straße fallen.

Die Bäume zu fällen, wäre ein Rückschritt. Wir haben hier so eine schöne Alleenlandschaft, auch wenn die Bäume zu großwüchsig sind. Noch eine Baustelle wäre auch nicht gut. Die Erreichbarkeit der Innenstadt ist gut. Jeder findet dorthin, wo er hin will, auch wenn man nie weiß, ob da nicht wieder eine Baustelle ist. Besser als eine zweispurige Straße wären mehr Parkplätze an der Leineweberstraße – mit Parkscheibe.