Pokalfinale - Pause am Zapfhahn, wenn Robben schießt

„Wir kennen uns alle. Praktisch hat jeder einen Haustürschlüssel vom anderen“ — Wirtin Marion Hesse und ihre Stammgäste (v.l.) Gerda und Gaby Walkenbach, Bruce Hellier, Andy und Manni, der Schalker mit dem 2:1-Tipp für den BVB. Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ FotoPool
„Wir kennen uns alle. Praktisch hat jeder einen Haustürschlüssel vom anderen“ — Wirtin Marion Hesse und ihre Stammgäste (v.l.) Gerda und Gaby Walkenbach, Bruce Hellier, Andy und Manni, der Schalker mit dem 2:1-Tipp für den BVB. Foto: Kerstin Bögeholz / WAZ FotoPool
Foto: WAZ FotoPool

Mülheim.. Wenn am Samstagabend das Nebelhorn ums Blötter Eck schallt, dass bei der Volksbank gegenüber die Schaufensterscheiben wackeln, gibt’s bei Marion Hesse wohl gerade mal wieder kein Bier. Und kein Halten. Die Gäste kennen das schon, dass der Service ab und an, wenn Spannung und Entspannung in der Speldorfer Eckkneipe Raum greifen, mal eine Nachlässigkeit zu verkraften hat. Der Marion wird’s verziehen. An diesem schwarz-gelben Pokalabend ohnehin. „Bin ja nur einseitig gefördert worden.“ Die 58-Jährige lacht. Der Vater war ja BVB-Fan, hat sie schon als kleines Mädchen mit ins Stadion Rote Erde genommen. Das Protokoll eines Thekengesprächs.

Gelernte Bürokauffrau. Dann, in den 70ern, als Aussteigerin nach Ibiza. Gejobbt, um zu leben, mal hier, mal da. Crêpes verkauft. Im Kuhstall. Kuhstall? „Ja sicher, sauber gemacht, gekalkt, Brett dran, fertig!“Kein Ausstieg für immer. Erspartes weg. Nach zwei Jahren doch zurück in die deutsche Bürgerlichkeit. Umschulung als Köchin. Ausbilderin bei der Awo. Marions Leben im Zeitraffer. Wie kommt man dann hinter den Tresen einer Eckkneipe?

„Wie ‘ne Jungfrau ans Kind.“ Da war diese Freundin, liiert mit dem damaligen Wirt vom Blötter Eck. Marion Hesse streicht sich mit dem Zeigefinger über die Gurgel. „Ein Zocker! Und zack, war’s meine.“

Im März 1998 startet die dritte Karriere als Wirtin. „Irgendwie gemütlich“ sei’s hier. „Man fühlt sich direkt wie Zuhause“, erklären die zwei Frauen, die auf der anderen Seite des Zapfhahns an der Theke sitzen, warum sie gerne zu Marion ins Eck kommen. Dorthin, wo Landhaus-Möbel sich mit Sofas und Thekenhockern den Raum teilen. Es sind Mutter und Tochter, beide tragen ein schwarzes T-Shirt mit aufgedrucktem gelbem Ortsschild: Fußballhauptstadt Dortmund!„Das ist Alf“, sagt Gaby Walkenbach. Alf scheint schon ganz aufgeregt ob des Pokalfinales. Mit gelber Sicherheitsweste und aufgenähtem BVB-Emblem wetzt er umher. „Ist ja unser Maskottchen.“ Alf wird im Blötter Eck schon mal Dieter genannt. Und bei ihrem VfB Speldorf, sagt die ehrenamtliche Kassiererin Gerda Walkenbach, sei er „Diensthund“. Alf, der Ratonero. Der andalusische Terrier im Mini-Format.

„Hier treffen sich im Prinzip nur Irre – aber wehe, das kommt inne Zeitung.“ Marion hat ihre Gäste ins Herz geschlossen. Selbst Manni, den Schalker, der seinen Nachnamen nicht verrät, schlicht „Inventar“ genannt wird. Aufgepasst: Schalke-Manni tippt heute auf den BVB. „2:1“ – als Revanche für die Pokalniederlage 2008 gegen eben diese Bayern, auch heute wieder Gegner von Schwarz-Gelb. „3:1“ – Wirtin und Walkenbach-Tochter sind sich einig. Bruce Hellier soll auch ‘nen Tipp riskieren: „1:1“. Ja, wie? Ein Unentschieden im Endspiel. Gibbet nich’! Bruce, Brite und Trainer an der Rennbahn, korrigiert:„2:1“. Er setzt aufs richtige Pferd: den BVB. Ungefragt stellt ihm Marion ein neues Pils hin.

100 % BVB. Sieben Tage die Woche hinterm Tresen. Stadionbesuche gibt’s für Marion nicht mehr, dafür auch heute „Fernbeobachtung via Sky“. Im Eck kommen nicht nur Dortmunder zusammen, alle Farben sind willkommen. Beim BVB-Spiel gegen München im April waren auch Bayern-Fans zugegen. „Die aber ein bissken kleinlaut“ – Gaby Walkenbach grinst. Das 1:0 für Dortmund war vorentscheidend im Titelkampf.

Und heute? „Wir bleiben alle auffem Boden der Realität“, sagt die Wirtin. Champus ist nicht kaltgestellt. Schierker Feuerstein schon. Und natürlich fließt das kühle Blonde aus dem Zapfhahn. „Aber wenn es wichtig wird, lass ich gerne alles stehen und liegen und geh’ gucken“, verlässt die Wirtin sicher auch heute mal den Zapfhahn. „Da läuft mir das ganze Geld an der Nase vorbei.“ Beim Elfmeterschießen bestimmt. So lautet der Tipp an die Gäste, sich vorher schon einzudecken. Marion lacht: „Und wenn dann der Robben einen schießt, lach ich mich kaputt.“

EURE FAVORITEN

Weitere interessante Artikel