Mülheim. Das Leben ist plötzlich stürmischer geworden, was Piraten natürlich freut. „Die Medien interessieren sich für uns, es kommen interessierte Gäste, es gibt Anfragen: Was macht Ihr eigentlich so?“, zählt Nadine Krämer auf. Sie ist Sprecherin für die Mülheimer Piraten, zugleich auch Landesschatzmeisterin und hat am Abend Hunger: Pommes mit Currywurst gibt es beim Stammtisch, das Treffen der Piraten, zu dem jeder kommen kann.
Der Umgang wird bewusst locker gehalten. Parteibücher – Fehlanzeige, statt dessen Mitgliederausweise, aber auch die sind kein Muss, um mitmischen zu können. Sehr flexibel sei man, fern starrer Parteistrukturen. Kreisverbände gibt es nicht, dafür eine Crew, auch mehrere Crews in der Stadt sind möglich, ohne sich in die Quere zu kommen.
Sechs Piraten sind an dem Abend ins Ruhrkristall gekommen, etwa 40 gibt es in ganz Mülheim, bisher. 16 Jahre ist das jüngste Mitglied, der älteste Pirat in der Stadt bringt es auf 89 Jahre. Pirat gleich jung sei falsch, sagt denn auch Carsten Trojahn vom Landesvorstand. Auch beruflich ist die Partei bunt gemischt: Pfarrer, Kaufmann, Student, Anwalt, Polizist, Rentner – alles dabei.
Das Wort von den „neuen Grünen“ hören sie nicht so gerne. „Bei uns muss keiner stricken und nordische Pullover tragen“, sagt einer in der Runde, und alle lachen. Als „unangepasst“ bezeichnen sie sich und ordnen sich politisch „in der Mitte“ ein. „Mit Links und Rechts haben wir nichts zu tun.“ Es gibt Überläufer, die sich in anderen Parteien unwohl fühlten. Andere kommen aus den Tiefen des politischen Desinteresses, die bei den Piraten Geschmack an Politik-machen fanden.
Mehr Bürgernähe, mehr Transparenz stehen bei ihnen im Vordergrund. Es sei ein Unding, sagt Trojahn, dass nicht alle Zahlen etwa zum Rathaus-Bau auf den Tisch gelegt werden. „Hier werden Steuergelder verbaut, da hat jeder ein Recht auf Auskunft.“ Politik im stillen Kämmerlein lehnen sie ab.
Eigentlich sei Mülheim eine Art Keimzelle der Piraten im Ruhrgebiet, sagt Nadine Krämer. Mehr Präsenz wollen sie künftig hier zeigen. Das richtige Thema dafür glauben sie gefunden zu haben: der öffentliche Nahverkehr. Damit haben sie sich in den vergangenen Monaten intensiv befasst und sehen erheblichen Verbesserungsbedarf, der aus ihrer Sicht nicht teurer sein muss.
Marco Welter wirft einen Plan der Stadt Mülheim an die Wand, der ein neues Bus- und Bahnnetz aufweist. „Wir wollen, dass der Fahrgast jedes Ziel in der Stadt mit maximal einmal Umsteigen erreichen kann.“ Je nach Fahrstrecke müsse man heute drei- bis viermal den Bus oder die Bahn wechseln. Die Piraten haben Ringlinien entwickeln, innere und äußere, bei denen 95 Prozent der Haltestellen weiter genutzt werden können.
Willkürliche Kappungen von Strecken lehnen sie ab, ebenso die Aufgabe von Straßenbahnen, die anderswo eine Renaissance erlebten. Sie fordern eine viel größere Barrierefreiheit im öffentlichen Nahverkehr und plädieren dafür, Bus- und Bahn nonstop – 16 Stunden am Tag – fahren zu lassen, die Fahrer sollten für die Pausen ausgewechselt werden. In Oberhausen funktioniere das gut.
Ihr Konzept werden sie öffentlich machen und dem Rat vorlegen, der sich damit beschäftigen soll und muss, den entsprechenden Paragrafen dafür haben sie parat.
Was noch? Den Freifunk möchten sie gerne etablieren. Ruhrbania und die Entwicklung der Ruhrpromenade könnten demnächst auch ein Thema für sie werden, und auch da zählt für sie: mehr Transparenz als bisher. Sie wollen sich nicht nur mit Hilfe von „Tante Google“ ein exaktes Bild machen können.
Und dann ist da das jährliche Drachenbootrennen in Mülheim, wo sie mitmischen. Für Piraten quasi eine Pflicht.