ÖPNV-Vorrang aufheben

Andreas Heinrich
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Zwei Stunden lang befragte der WAZ-Leserbeirat in der Redaktion den Vorsitzenden der SPD-Fraktion, Dieter Wiechering. Der konterte unter anderem die massive Kritik an der Verkehrsführung in der Innenstadt mit dem Vorschlag: „Wir sollten prüfen lassen, ob die Vorrangschaltung für den ÖPNV noch sinnvoll ist.“ Auszüge:


Rückstaus an vielen Stellen, endlos lange Wartezeiten für Fußgänger, Autofahrer und Radfahrer – aus Sicht des Leserbeirates ist der Unmut an vielen Stellen spürbar.

Wiechering: Ich stehe selber im Stau, kenne die Gefühle, die viele haben. Die Verwaltung hat uns Politikern erklärt, dass keiner irgendwo länger als 80 Sekunden wartet. Das stimmt auch an vielen Stellen. Ein Hauptproblem sind die Vorrangschaltungen für den ÖPNV. Zumindest als Testphase sollten diese mal aufgehoben werden. Man müsste mit dem VRR reden. Vorrang für ÖPNV macht doch nur Sinn, wenn die Pünktlichkeit verbessert und ein Kurs eingespart werden kann. Das bezweifele ich in der Mülheimer Innenstadt.


Man hat uns bei Ruhrbania vorgegaukelt, wir bekämen eine ansehnliche Architektur, eine schöne Piazza, einen Hafen, in den die Weiße Flotte fahren kann. Jetzt sehen wir einen Klotz und ein Hafenbecken, wo man die Einfahrt suchen muss. Kann die Politik beim Baufeld II noch Einfluss nehmen?

Das Hafenbecken war ursprünglich größer gedacht. Es ließ sich jedoch, wie uns Fachleute sagen, nicht realisieren. Was die Dichte auf Baufeld I angeht, so haben viele von uns eine Faust in der Tasche gemacht, als wir den Riegel zum Rathaus zugelassen haben. Aber der Bauherr wollte es so aus wirtschaftlichen Gründen. Wenn wir es nicht zugestimmt hätten, hätte er uns adieu gesagt. Wir müssen als Politik leider immer Zugeständnisse bei Bauprojekten machen, nicht nur an der Stelle.


Sollte man auf Baufeld III wirklich weiter bauen, würde man dort nicht Stadt-Substanz vernichten?

Ich würde jetzt erstmal abwarten, bis die ersten beiden Baufelder fertig sind, bis es eine Außengastronomie gibt, die Promenade genutzt wird. Wenn das alles gut läuft, werden wir weiter sehen müssen. Es gibt ja schon städtebauliche Vorschläge, die übrigens gut waren.


Was wird aus der VHS?

Ich bin dafür , dass sie dort bleibt und dass endlich mal mehr mit den Nachbarstädten kooperiert wird. Ich habe auch Zweifel daran, ob die Sanierungskosten wirklich so hoch sind.


Am Bahnhof soll eine weitere Hochbrücke für Millionen abgerissen werden. Können wir das überhaupt leisten, ist es notwendig?

Die Brücke muss saniert werden. Heute bekommen wir Fördergelder für Abriss und Umbau, rund 80 Prozent. Sollen wir verzichten und später die hohen Kosten selbst tragen? Wenn wir die Fördergelder nicht nehmen, nimmt sie eine andere Stadt. Außerdem ist die städtebauliche Situation an der Stelle alles andere als schön.