Obdachlosen-Pension Kreuselberg in Mülheim-Dümpten schließt

Beate Kreuselberg vor ihrer Pension in Mülheim-Dümpten, in der seit den 70er-Jahren Obdachlose ein Zuhause fanden. Jetzt schließt das Haus.
Beate Kreuselberg vor ihrer Pension in Mülheim-Dümpten, in der seit den 70er-Jahren Obdachlose ein Zuhause fanden. Jetzt schließt das Haus.
Foto: Christoph Wojtyczka / WAZ FotoPo
Das Obdachlosenheim in Mülheim-Dümpten schließt. Die "Pension Kreuselberg" bestand mehr als 35 Jahre. Beate Kreuselberg spricht im Interview über das Leben im Heim, die ehemaligen Bewohner und warum sie das Haus nun schließt.

Mülheim.. „Herzlich willkommen“, grüßt ein handgemaltes Schild am Eingang zur „Pension Kreuselberg“. Ansonsten gibt es nichts Einladendes mehr am weißen Haus an der Ecke Barbara-/Helenenstraße in Dümpten. Von der Fassade blättert Farbe, Risse sind notdürftig verschmiert, die Fenster leer. Drinnen ist Beate Kreuselberg mit Ausräumarbeiten beschäftigt. Das Heim, in dem seit den 70er-Jahren Obdachlose unterkamen, macht dicht. Mit schwerem Herzen packt die 50-Jährige, die das Haus von den Eltern übernahm, zusammen, was sich in den Zimmern ansammelte: uralte Schallplatten, Herrenschuhe, Gehhilfen, ein ausgestopfter Auerhahn. Kürzlich hat Beate Kreuselberg, wie berichtet, ein vermisstes Kunstwerk gefunden: eine Bronze-Büste des früheren Duisburger Zoo-Direktors Dr. Gewalt, die vor zwei Jahren gestohlen worden war.

Es hieß, der Bronze-Kopf habe in der Besenkammer gelegen, stimmt das?

Beate Kreuselberg: Nein, im Fahrradschuppen. Dort habe ich beim Aufräumen einen Sack entdeckt, in dem etwas Schweres steckte, ich habe es mir sogar noch vors Knie gehauen. Beim Reingucken dachte ich: Das muss doch irgendwo fehlen, und habe die Polizei angerufen.

Weiß man inzwischen, wie die Büste im Schuppen gelandet ist?

Kreuselberg: Ich weiß es nicht.

Die „Pension Kreuselberg“ bestand mehr als 35 Jahre. Warum schließen Sie jetzt?

Kreuselberg: Ich will das Haus verkaufen. Es gibt auch schon eine Familie, die sich dafür interessiert, umbauen und hier einziehen möchte. Ich bin froh, wenn es nicht abgerissen wird. Fast hätte es ein Architekt gekauft, der auf dem Grundstück neu bauen wollte. Aber dann hat er erfahren, dass das Finanzamt noch Geld bekommt.

Wofür?

Kreuselberg: Nach dem Tod meiner Mutter, Anfang 2004, gab es eine Steuerprüfung. Ich soll nachzahlen, weil dies hier kein Pflegeheim ist, das von Umsatzsteuer befreit wäre. Die Summe wurde schon auf 25 000 Euro heruntergehandelt, aber die stehen noch im Raum. Darum fehlt mir auch seit langem Geld für die dringend nötige Renovierung.

Wohnt überhaupt noch jemand in diesem Haus?

Kreuselberg: Inzwischen nur noch ein älterer Herr, dessen Betreuer für ihn auch schon eine Wohnung gefunden hat. Aber die wird erst Ende Mai frei.

Hier lebten früher 15 bis 20 Menschen. Was waren das für Leute?

Kreuselberg: Männer, die fast alle ein Alkoholproblem hatten, oftmals psychisch krank waren. Bis hin zu Autistisch-Schizophrenen . . . Wir haben es mit jedem versucht. Der Älteste hat 30 Jahre hier gelebt. Als er jetzt ausziehen musste, war das schrecklich! Polizei kam, er wurde fixiert. Er hat wirklich gedacht, es wäre sein Haus.

Welche Hausordnung galt in der „Pension Kreuselberg“?

Kreuselberg: Die Nachtruhe ab 20 Uhr muss eingehalten werden, es dürfen keine fremden Personen mitgebracht werden, und die Privatsphäre muss respektiert werden. Fast alle hier waren Einzelgänger und sehr zurückgezogen.

Wer hat überwacht, dass die Regeln eingehalten werden?

Kreuselberg: Vor allem mein Vater. Er hat bis zum Schluss mit im Haus gewohnt. Im Januar starb er.

Gab es ein Alkoholverbot?

Kreuselberg: Wenn ich Schnaps gefunden habe, habe ich ihn weggekippt. Das wurde akzeptiert. Mit den Leuten hatte ich keine Probleme, obwohl sie sehr schwierig waren. Was mich zermürbt hat, ist dieser Behördenkram.

Die Häuser und Gärten ringsherum wirken sehr ordentlich. Kamen Beschwerden aus der Nachbarschaft?

Kreuselberg: Nein, wir haben ganz tolle Nachbarn, die auch schon mal ausrangierte Bettwäsche oder Kleidung vorbeigebracht haben. Trotzdem dachte ich, sie freuen sich, dass wir jetzt schließen. Aber sie haben gefragt: ,Und was passiert jetzt mit den Leuten?’

Haben Sie Mitarbeiter in der „Pension Kreuselberg“?

Kreuselberg: Seit Jahren nicht mehr. Ich habe fast alles alleine gemacht, vom Frühstück bis zum Abendessen, gekocht, geputzt, gewaschen, gebügelt. Der Tagessatz, den ich vom Sozialamt bekam, lag bei 28 Euro. Ich frage mich heute, wie ich das geschafft habe. Ich habe wohl das Helfersyndrom von meinen Eltern geerbt.

Jetzt sind sie seit Wochen damit beschäftigt, das Haus leerzuräumen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Kreuselberg: Mittlerweile bin ich darüber hinweg. Aber ich habe einiges an Tränen gelassen. Für mich persönlich bin ich ganz froh, aber es tut mir für meine Eltern leid, die das alles hier aufgebaut haben.

Was machen Sie jetzt?

Kreuselberg: Erst mal meine Prüfung als Heilpraktikerin. Ich bin froh, nicht mehr ständig pünktlich parat stehen zu müssen, auch samstags und sonntags.

Urlaub?

Kreuselberg: Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht.

Die „Pension Kreuselberg“ ist in Mülheim seit Jahrzehnten eine Institution – wenngleich ihr Betrieb zuletzt nicht unumstritten war und ihr baulicher Zustand marode.

Seit 2003 schwelt ein Streit über die Frage, ob für die Einrichtung Umsatzsteuer entrichtet werden muss, oder ob sie als Pflegeheim gemäß § 4 Nr. 16 UStG davon befreit ist. Eine Nachzahlungsforderung des Finanzamtes, die Beate Kreuselberg auf 25 000 Euro beziffert, steht noch im Raum.

Vater ehrenamtlicher Sozialbetreuer

Sie hatte zwischenzeitlich eine Anwaltskanzlei eingeschaltet, aus deren Korrespondenz mit dem Finanzamt auch Details zur Geschichte des Männerwohnheims hervorgehen. Das Heim an der Barba­rastraße 9 wurde von Beate Kreuselbergs Eltern „auf Initiative der Stadt Mülheim“ eingerichtet, heißt es. Friedrich Kreuselberg, von Beruf Feuerungsmaurer, war als ehrenamtlicher Sozialbetreuer für die Stadt tätig. Zunächst hatten er und seine Ehefrau Renate in ihrem privaten Einfamilienhaus am Schreberweg Alkoholiker aufgenommen. Doch darüber beschwerten sich Nachbarn. 1977 erwarben die Kreuselbergs das knapp 290 qm große Haus an der Barbarastraße, ehemals ein katholisches Schwesternheim, das ihnen die Stadt zum Kauf angeboten hatte. Anfangs wurden ihnen sämtliche Heimbewohner durch das Sozialamt zugewiesen.

In der Pension lebten durchschnittlich 15 Männer, teilweise über Jahrzehnte. Einige Bewohner hatten eine Pflegestufe, in Einzelfällen kam ein Pflegedienst ins Haus. Es fanden auch Kontrollen der Heimaufsicht statt, die wiederholt Kritik an der Unterbringung von Pflegebedürftigen in der Pension äußerte.

Bewohner in anderen Einrichtungen untergekommen

Gleichwohl erklärt Stadtsprecher Volker Wiebels nun im Rückblick: „Die ,Pension Kreuselberg’ war für die Stadt seit Jahrzehnten Partnerin zur Unterbringung von Menschen, die ein Rundum-sorglos-Paket brauchen.“ Finanziert wurde dies „aus diversen Töpfen der Sozialhilfe, es war immer zuverlässig und gut“.

Zuletzt lebten noch fünf Männer im Haus, einer war Selbstzahler. Sie sind nun in anderen Einrichtungen untergekommen, zwei von ihnen im Bonifaciushaus. Die Schließung der Pension reiße jedoch keine Lücke, meint Wiebels: „Es war praktisch, weil wir wussten, dass wir dort auch schwere Fälle unterbringen können. Aber es ist nicht so, dass nun ein Engpass entsteht.“

 
 

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