NRW-Städte können sich ihre U-Bahnen nicht mehr leisten

Hayke Lanwert
Eine von vielen heruntergekommenen U-Bahn-Stationen im Ruhrgebiet: Essen, Berliner Platz.
Eine von vielen heruntergekommenen U-Bahn-Stationen im Ruhrgebiet: Essen, Berliner Platz.
Foto: Tim Schulz
Mülheim und andere Städte haben sich mit teuren U-Bahnsystemen überhoben. Vor Jahrzehnten bekamen sie sie fast geschenkt, heute werden sie von den Kosten erdrückt. Allein in NRW fehlen 1,1 Milliarden Euro, die keiner bezahlen will. Sogar das Ende der U-Bahnen steht plötzlich im Raum.

Essen. Marode Bahnhöfe, veralterte Technik, holpernde Gleise: Beim öffentlichen Nahverkehr in Nordrhein-Westfalen hat sich über die Jahre ein immenser Sanierungsstau aufgebaut. 1,1 Milliarden Euro müssen allein bis 2016 investiert werden.

Und nirgendwo ist die Lage so dramatisch wie im Ruhrgebiet. Mülheim erwog bereits den Abschied von der Schiene, Duisburg fehlt das Geld für die Modernisierung einer wichtigen, bis nach Düsseldorf reichenden U-Bahn-Strecke.

In den 70er und 80er-Jahren gab es 90 Prozent Förderung

Zwei Beispiele von vielen. Denn in den 70er und 80er Jahren profitierten die Städte von der 90-prozentigen Förderung für U-Bahnen, nun fehlt ihnen das Geld für die Sanierung des in die Jahre gekommenen Nahverkehrs. Doch das Infrastruktur-Problem trifft nicht nur ärmere Städte. „Mülheim ist ein Menetekel für ganz NRW, sogar für den Erhalt der Nahverkehrs-Infrastruktur in Gesamtdeutschland“, sagt Dirk Biesenbach, Chef der Düsseldorfer Rheinbahn. Es sei absurd, wie Mülheim zu meinen, die Stadt löse ihre Probleme, indem sie auf Busse umsteige, um dann auf der Straße noch stärker im Stau zu stehen.

Die Unterfinanzierung ist so dramatisch, dass eine Experten-Kommission kürzlich einen bundesweiten Mehrbedarf von 7,2 Milliarden Euro jährlich für Straßen, Schiene und Wasserwege feststellte. Um den Sanierungsstau aufzulösen, würden schon jetzt 15 Jahre gebraucht. Der Wirtschaftsstandort Deutschland sei ernsthaft gefährdet.

Der Landesminister fordert eine bundesweite Initiative

„Es ist viel zu lange versäumt worden, sich um die Instandsetzung der Infrastruktur zu kümmern. Das muss dringend nachgeholt werden, sonst wird der Verkehr in Deutschland lahmgelegt“, erklärt auch NRW-Verkehrsminister Michael Groschek. Er fordert eine Gemeinschaftsinitiative unter dem Titel „Wir reparieren Deutschland“.

Allein für den Nahverkehr in Essen, Mülheim und Duisburg errechneten die Verkehrsbetriebe einen Modernisierungsbedarf von 307 Millionen Euro in den nächsten zehn bis 15 Jahren. Ihre Frage, wer das bezahlen solle, blieb bislang unbeantwortet. Um so mehr richten sich die Hoffnungen auf jene Experten-Kommission um Ex-Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (SPD), die bis Herbst eine „dauerhafte Finanzierungsstruktur“ präsentieren will. Bodewig gegenüber dieser Zeitung: „Die Lage ist besorgniserregend. Je mehr wir heute beim Erhaltungsbedarf unterlassen, um so teurer wird es“.