Musikalische Reise nach Schweden

Martin Krampitz
'Musik in den Häusern der Stadt': ein Konzert mit 'Fjarill' .
'Musik in den Häusern der Stadt': ein Konzert mit 'Fjarill' .
Foto: STEPHAN GLAGLA / WAZ

Mülheim. Es ist ein gesellschaftliches Ereignis. An diesem Abend geht die Reise etwa hundert Jahre zurück. In die Zeit, als das klassische Bürgertum seine Kultursalons, die Hausmusik, pflegte.

Musiker singen und spielen gehobenes Liedgut, ihre Zuhörer üben sich in angeregter Konversation. Beim Konzert sind die Künstler hochkonzentriert, ihr Publikum lauscht still und aufmerksam, die Stimmung ist gemessen, fast kontemplativ. Die Damen tragen Abendgarderobe, die Herren feine Anzüge.

Kaufmannsvilla von 1913

Literaten wie Thomas Mann, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig hätten sich in dieser Umgebung sicher wohl gefühlt, in der 1913 gebauten Kaufmannsvilla an der Bunsenstraße an der Grenze zwischen Innenstadt und Holthausen. Dort spielte das Duo „Fjarill“ auf. Es wird eine Reise in ferne Zeiten und Regionen, in andere Sphären.

Dicht gedrängt sitzen rund 70 Mülheimer im rundlichen Speisesalon. Von dem Esszimmer mit seinen geschwungenen Türbögen und Kreuzfenstern schweift der Blick hinaus in den weitläufigen Garten im Halbdunkel hinter der weißen Villa. Antonie Remmen begrüßt die Besucher höflich, sichtlich gut gelaunt. Sie hat gerne Gäste daheim, seitdem die Kinder aus dem Haus sind. „Hier soll es lebendig bleiben“, sagt die Dame des Hauses.

Umbau zum Kultur- und Bildungstreff

Antonie Remmen lebt hier seit ihrer Kindheit, seit mehr als 60 Jahren, als ihr Vater, der Mülheimer Rechtsrat Remmen die Kaufmannsvilla nach dem Krieg erwarb. In den letzten Jahren hat die engagierte Mülheimerin ihr Elternhaus in einen lebhaften Kultur- und Bildungstreff im Stadtteil verwandelt.

Kurze Zeit später treten Aino Löwenmark und Hanmari Spiegel, das Duo „Fjarill“ aus Hamburg, in das benachbarte Musikzimmer. Hanmari Spiegel, sie stammt aus einer südafrikanischen Burenfamilie, greift nach einer ihrer beiden Geigen, die Schwedin Aino Löwenmark in die Tasten des hauseigenen Pianos.

Tönenden Schmetterlinge flattern durch den Raum 

Hanmari Spiegel trägt ein türkisfarbenes, kunstvoll drapiertes Kopftuch, Aino Löwenmark eine lustige Zipfelmütze, ebenfalls türkis. „Uns ist heute Abend etwas kalt“, albert die Schwedin. Doch das wird sich ändern. Die jungen Musikerinnen lächeln charmant, beginnen zu spielen.

Und schon mit den ersten Klängen flattern wunderbare, tönende Schmetterlinge (schwedisch: Fjarills) durch den Salon, verzaubern das geneigte Auditorium. „Fjarills“ Lieder, alle selbst komponiert, siedeln zwischen Schuberts Liedgut, Pop, Folk und Klassik, bieten aber eine eigenständige wie eigenwillige Mischung. Die anrührenden Songs klingen verträumt, melancholisch, sentimental, aber immer kraftvoll und emotional, verströmen stets Wärme und Herzlichkeit.

Kräftiger Applaus

Vor Augen und Ohren entsteht die gutbürgerliche Heimeligkeit des Weihnachtsfestes, das die Kinder „Fanny und Alexander“ im gleichnamigen Kultfilm Ingmar Bergmans erleben. Vorbei ziehen Wälder und Seen Schwedens, Dörfer mit Holzhäusern, entlegene Bauernhöfe, die Inselwelt der Schärenküste.

Die Abendgesellschaft im Salon ist fasziniert von den ungewohnten Klängen aus dem Norden. Für den kräftigen Applaus bedanken sich die beiden attraktiven und charmanten Musikerinnen mit Autogrammen im Foyer.

Musik in den Häusern der Stadt

Das Konzert war ein Teil des Festivals „Musik in den Häusern der Stadt“. Musiziert wurde in dieser Veranstaltungsreihe zumeist im kleinen Rahmen von Privathäusern in Köln, Düsseldorf, Hamburg, Mannheim, Bonn und Karlsruhe, im Ruhrgebiet in Mülheim, Essen und Bochum.

Das Duo „Fjarill“ gründete sich 2004 in Hamburg, wo sich Aino Löwenmark und Hanmari Spiegel kennenlernten. Zunächst musizierten die beiden jungen Frauen in anderen Formationen und trafen sich in einem Studio, in dem sie beide arbeiteten. Ihr erstes Album „Stark“ wurde 2006 ein unerwartet großer Erfolg. 2008 erschienen das Album „Pilgrim“ sowie die Weihnachts-EP „God Jul“. 2010 folgte ihr viertes Album „Livet“, eine Aufnahme eines Konzerts im Hamburger Mozartsaal. Ein fünftes Album ist in Arbeit. 2011 wurde „Fjarill“ mit dem deutschen Weltmusikpreis ausgezeichnet.