Mülheims Partnerstadt Tours feiert ihre neue Straßenbahn

Gefeierte Renaissance: Mülheims Partnerstadt feiert ihre neue Straßenbahn.
Gefeierte Renaissance: Mülheims Partnerstadt feiert ihre neue Straßenbahn.
Foto: Martin Kuhna

Tours/Mülheim. Eigentlich waren der 31. August und der 1. September in Frankreich keine Feiertage, denn es war das Wochenende der „rentrée“, der stau- und stressintensiven Rückkehr aus den Ferien, aus dem Sommer, mit Aussicht auf ein neues Schul- und Arbeitsjahr. In Mülheims Partnerstadt Tours aber feierten sie rund um die Uhr, weil sie jetzt wenigstens mit „Le Tram“ zur Schule oder Arbeit fahren können, mit der neuen Straßenbahn.

Die Geschichte hat lange gedauert. Etwa 15 Jahre lang hat man diskutiert über das Für und Wider, über das richtige System. Dann folgte eine leidensreiche Zeit des Buddelns an der 15 Kilometer langen Nord-Süd-Strecke – übrigens mit je einer Oberschule an den Endhaltestellen. Als aber am Mittag des letzten Augusttages die Tram offiziell eröffnet wurde, mit Feuerwerk, Konfetti und Ansprachen an der zentralen „Place Jean Jaurès“, da wimmelte es um die silbrigen Bahnen von begeisterten Menschen. Und dann probierten die „Tourangeaux“ in Scharen, wie es sich nun fährt mit „Le Tram“. Bis Betriebsschluss und auch den ganzen Sonntag lang waren die Züge dicht besetzt. Natürlich auch, weil man für den Test nicht zahlen musste.

Sehr französische Bahnen

Mit den – derzeit wenig geliebten – Straßenbahnen in Mülheim hat das neue Verkehrsmittel in Tours wenig gemein. Es ist, auf sehr französische Weise, supermodern. Die 43 Meter langen „Citadis“-Wagen wurden bei „Alstom“ im Elsass gebaut. Technisch sind sie identisch mit Bahnen in vielen anderen französischen Städten, die dem Trend zur neuen Straßenbahn gefolgt sind. Aber beim Design dieser Wagen, außen wie innen, lässt die Firma den Städten große Freiheit. Die Leute in Tours, kann man sagen, hatten dabei eine recht glückliche Hand: Silberglänzend und schwarz ist die Außenhülle, die Kopflinien werden durch weiße und rote LED-Streifen betont. Im Innern gibt es frische Farben, viel Platz und weiche, plüschbezogene Sitze, gar ohne Antigraffiti-Muster.

Die Türen werden von außen durch senkrechte, schwarzweiße Streifen betont, die mit entsprechenden Streifen und Rillen an den Haltestellen korrespondieren. Das Konzept geht auf den bekannten Streifen-Künstler Daniel Buren zurück, hat aber auch Leitcharakter für Sehbehinderte. Wie immer in Frankreich hat man sich auch dem Ansagesystem mit viel Liebe gewidmet: Komponist Louis Dandrel hat für jede Station unterschiedliche Tonfolgen mit der Ansagestimme einer Sopranistin kombiniert. An einigen Haltestellen fügt sie überraschend ein paar gesungene Takte an, worauf die Fahrgäste sich jedes Mal verwundert-belustigt anschauen: Was war denn das jetzt?

Kinder fahren mit Tretrollern

Als technische Besonderheit hat man in den Innenstadtstraßen auf Oberleitung und Masten verzichtet. Die Fahrer senken den Stromabnehmer und nutzen dessen eine Stromschiene in den Gleisen, die aber nur unter Spannung steht, wenn sich ein Zug darüber befindet. Klingt trotzdem ein wenig bedrohlich, aber die Kinder fahren fröhlich mit ihren Tretrollern auf den breiten Stromschienen, obwohl wegen Rutschgefahr davon abgeraten wird. Auch sonst wurden die Tourangeaux allenthalben sanft über den Umgang mit der neuen Tram belehrt: Radfahrer sollen die Schienen im stumpfen Winkel kreuzen, Autofahrer müssen ihr Vorfahrt gewähren und sich an einige bislang unbekannte Schilder gewöhnen.

Tours hat mit dem Bau der neuen Linie weit mehr getan als nur ein paar Kilometer Gleise verlegt. Entlang der Trasse hat die Stadt sich verändert. Neues Pflaster in Innenstadtstraßen, neue Geh- und Radwege in Außenbezirken, eine neue Brücke über den Cher, weniger oder gar kein Platz mehr für Autos. Das alles soll Tours städtebaulich einen großen Schritt voranbringen. Nicht zuletzt soll „Le Tram“ ein Markenzeichen und eine touristische Attraktion der Stadt werden – mal ganz davon abgesehen, dass nach den Vorstellungen der Planer nun bitte 55 000 Menschen täglich die neue Straßenbahn nutzen sollten, auch wenn es die Fahrten jetzt nicht mehr umsonst gibt. A propos: Insgesamt hat die neue Tram 433 Millionen Euro gekostet. Vielleicht sollte der Kämmerer dieser mit roten Zahlen durchaus vertrauten Stadt seinen Mülheimer Kollegen mal zu einer gesprächsbegleitenden Probefahrt einladen.

 
 

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