Mülheimer Stiftungen geht das Geld aus

Weil Banken kaum noch Zinsen zahlen, bleiben Zuwendungen für Projekte aus. Vereine müssen neue Förderwege suchen. Manche bleiben auf der Strecke.

Mülheim. Millionen auf die Hohe Kante legen und reichlich Zinsen dafür absahnen – fast alle Stiftungen arbeiten nach diesen Regeln und fördern so zahlreiche Projekte und Vereine. Aber die Zeiten hoher Zinserträge sind vorbei. Die Folge: Stiftungen können kaum noch große Beträge ausschütten. 30 bis 50 Prozent weniger Ertrag steht in den Stiftungsbilanzen und kappt sofort die Zuwendungen. Vereine müssen jetzt neue Förderer finden oder gar den Betrieb einstellen.

Wie abhängig zahlreiche Projekte und Vereine in der Stadt von Fördergeldern aus Stiftungen sind, wird erst im nächsten Jahr deutlich, wenn bisher regelmäßige Zahlungen ausbleiben. Beispiel Leonhard-Stinnes-Stiftung (LSS): Zum Stiftungskapital gehören auch mehr als vier Millionen RWE-Aktien. 2009 zahlte der Stromkonzern noch 4,50 Euro pro Aktie, 2013 waren es zwei Euro und in diesem Jahr null. „Alle bereits vom Kuratorium genehmigten, mehrjährig angelegten Projekte erhalten die zugesagte Förderung. Über neue Anträge wird bald entschieden“, sagt Stadtsprecher Volker Wiebels. Was die LSS in 2017 noch fördern kann, mag kein Entscheider voraussehen. Vielleicht müssen sie wegen ausbleibender Erträge sogar Extras für die Augenklinik reduzieren, obwohl die laut Satzung oberste Priorität genießt.

Die Stinnes-Stiftung gehört zu den großen, aber stillen Geldgebern in Mülheim

Im guten Jahr 2008 beispielsweise förderte die LSS 161 Projekte mit knapp zwölf Millionen Euro. Die Stinnes-Stiftung gehört zu den großen, aber stillen Geldgebern in Mülheim, weshalb die städtische Stiftungsverwaltung Daten nicht preisgibt. Das Stiftungsvermögen ist bis heute auf einen dreistelligen Millionenbetrag angewachsen.

Die LSS unterstützt die Mülheimer Augenklinik, fördert Bildung, Kultur, Jugend, Sport und soziale Aufgaben. In den letzten Jahren gehörten dazu Zuwendungen an Alteneinrichtungen, die Theatertage, die Volkshochschule, der Sportbund, die Stadtbücherei, Sportvereine, Kinder- und Jugendheime, Schloß Broich und Kloster Saarn, Kinder- und Seniorentheater, das DRK, die Awo und das Haus der Stadtgeschichte.

Steigt eine Stiftung aus einem Projekt aus, spüren das beispielsweise gerade die engagierten Betreuerinnen in der Lernwerkstatt Natur. Dort fehlen ab 2017 rund 140 .000 Euro für Personalkosten. „Es wäre schön, wenn wir die Lernwerkstatt Natur halten könnten, aber die Finanzierung durch die August- und Josef-Thyssen-Stiftung läuft Ende 2016 aus. Neue Sponsoren haben wir noch nicht gefunden“, erklärt Lydia Schallwig, Leiterin des Jugendamtes Nun soll ein Förderverein helfen.

Statt Einzelprojekte Breitenförderung stärken

94 300 Euro hat das Kuratorium der Sparkassenstiftung im vergangenen Jahr auf insgesamt zehn Projekte aus den Bereichen Kultur, Bildung, Kunst, Soziales und Sport verteilt. „Das ist eine erfolgreiche Bilanz“, betont Ralf Dammeyer aus dem Stiftungsvorstand. „Die anhaltende Niedrigzinsphase engt den Handlungsspielraum der Stiftung aber zunehmend ein“, ergänzt Henner Tilgner, Vorsitzender des Kuratoriums. „Daher sind wir froh, dass die Sparkassenstiftung keine dauerhafte Förderung betreibt, sondern immer nur projektbezogene Initialförderungen bewilligt hat.“ 3,25 Millionen Euro beträgt das Stiftungskapital und ist konservativ angelegt.

Mit kleineren Zinserträgen rechnet auch die Sparkassenstiftung. „Langfristige Anlagen helfen uns in den nächsten Jahren noch etwas“, sagt Ralf Dammeyer. Für 2017 rechnet er mit einem Ausschüttungsbetrag „um die 50 000 Euro“. Das ist etwas mehr als die Hälfte der aktuellen Fördersumme. Die Sparkassenstiftung teilt damit das Schicksal anderer Stiftungen.

Darum soll die Förderung in Zukunft in die Breite gehen, weniger auf einzelne Schwerpunktprojekte fallen. Dammeyer und Tilgner betonten jedoch, dass das Klangkunstprojekt „Audio im Umschlag“ des Kunsthauses Mülheim, der Schulunterricht des Schachvereins Mülheim Nord oder das Generationen verbindenden Angebot „Jung & Alt – Spielen im Schloss“ des Nachbarschaftsvereins Styrum für die Entwicklung der Stadtgesellschaft wichtig seien. Zwei Projekte befassen sich mit „Geschichte/n aus und für Mülheim – Gestern bis Morgen“. Die Gesamtschüler in Saarn entwickeln dazu einen topographischen Zeitzeiger, der die Stadtentwicklung anschaulich visualisiert. Mitglieder des Förderkreises Tersteegenhaus machen die Baugeschichte zum Thema der Stadterkundungen.

„Wir wollen mehr kleinteilige Projekte in allen Mülheimer Stadtteilen – nah an den Menschen – unterstützen“, erläutert Ralf Dammeyer. Jeder könne einen Antrag stellen, über die Homepage im Internet oder direkt in einer der zwölf Filialen. „Wenn die Vorschläge dem Zweck der Stiftung entsprechen, werden wir helfen“, fügt Henner Tilgner hinzu. Das können neue Trikots oder Spiele für Kitas sein. Personalkosten übernimmt die Sparkassenstiftung jedoch nicht.

Stadt verwaltet neun Stiftungen

Die Stadt verwaltet neun unselbstständigen Stiftungen: Stiftung Augenheilanstalt, Leonhard-Stinnes-Stiftung, Gretchen-Leonhard-Stiftung, Somborn-Stiftung, Heinrich-Thöne-Stiftung, Vereinigte Coupienne- und Rosorius-Stiftungen, August- und Josef Thyssen-Stiftung, Familie-Feldmann-Stiftung, Cläre und Hugo Stinnes Stiftung. Wer demnächst die Lernwerkstatt mit dem neuen Verein fördert, wird sich vielleicht bald zeigen.

 
 

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