Mülheimer produziertee Kürmusik für Dressurreiter

Andrea Müller
Jürgen Heidecke komponiert Kürmusiken für Dressurreiter - in Mülheim-Broich.
Jürgen Heidecke komponiert Kürmusiken für Dressurreiter - in Mülheim-Broich.
Foto: Christoph Wojtyczka / WAZ FotoPo

Mülheim. Ob Damon Hill am liebsten zu Filmmusik „tanzt“? Vermutlich. Mit seiner Reiterin Helen Langehanenberg landete der Hengst beim olympischen Einzelwettkampf der Dressurreiter jedenfalls auf Platz vier. Die Musik zu seiner Kür, ein Medley angelehnt an verschiedene Filmmusiktitel, stammt von einem Mülheimer: Jürgen Heidecke hat sie zusammen mit seinem Kollegen Michael Erdmann (Herne) produziert. Ebenso wie die Musiken, mit denen vier weitere Reiter zum Finale antraten: die Deutsche Kristina Sprehe, Patrik Kittel (Schweden), Victoria Max-Theurer (Österreich) und Juan Manuel Munoz Diaz (Spanien).

Selber reiten kann Jürgen Heidecke nicht, aber eine Dressurkür erklären - das beherrscht er mittlerweile fast perfekt. Seit ein paar Jahren schon fertigt er für Grand Prix-Reiter Kürmusiken an. „Früher lief zu den Darbietungen von Reiter und Pferd meist ein schlecht gespieltes, klassisches Gedudel oder ein Gemisch aus einfach aneinander gereihten Songs, an denen kaum etwas verändert wurde. Das hörte sich nicht gut an und passte oft auch nicht zum Gezeigten“, berichtet der 44-Jährige.

Songs werden neu eingespielt

Michael Erdmann sei auf die Idee gekommen, spezielle, auf die Choreographie der Dressurküren zugeschnittene Musikstücke zu kreieren. Im Tonstudio spielen die zwei Studiomusiker und Produzenten seither Medleys ganz neu ein und mischen sie ab. Oft sind an einer Produktion weitere Musiker und Sänger beteiligt, denn der Mülheimer kann zwar Gitarre, E-Gitarre und Bass spielen und der Herner Schlagzeug und Cello. „Aber andere Streicher und Bläser müssen wir dazu holen“, sagen sie. Manche Passage wird allerdings auch mit Hilfe von „Samples“ (über die Klaviertastatur digital abrufbare Töne anderer Instrumente) erzeugt. Bei einer fertigen Komposition liegen am Ende bis zu 90 Spuren (Instrumentenstimmen) übereinander.

Die Kürmusiken sind in der Reitsportszene gut angekommen, sie bescheren den zwei Studiomusikern immer wieder neue Aufträge. Am Anfang jeder Produktion steht immer das Video von einer Dressurkür. „Ich analysiere die Choreographie, fertige ein metrisches Grundgerüst und dann das Layout zum gesamten Stück an. Der Tritt des Pferdes ist der Takt, und der ändert sich natürlich - je nachdem, wie schnell das Pferd läuft“, erklärt Jürgen Heidecke.

Um die Rechte bitten

Zu jeder Gangart wird eine andere Musik geschaffen, Tempowechsel von Ross und Reiter müssen berücksichtigt, schwierige Figuren in der Kür musikalisch herausgehoben werden. „Die Musik soll das Gezeigte für die Zuschauer klarer machen und noch eindrucksvoller für die Punktrichter.“ Und natürlich müsse sie den Geschmack des Reiters treffen. „Einige von ihnen berichten mir auch, ob das Stück ihrem Pferd zusagt oder nicht“, so der Komponist und Arrangeur.

SerienMeist äußere der Reiter ohnehin einen Musikwunsch. So orderte Victoria Max-Theurer ein Medley aus Phil Collins- und Genesis-Themen, Patrik Kittel einen Mix aus Billy Idol-Songs. Eine am Flamenco orientierte Komposition bestellte Juan Manuel Munoz Diez. „Darin ist nur ein einziges schon bestehendes Stück verarbeitet, rund 90 Prozent habe ich selbst komponiert“, sagt Heidecke. Nutzt er Titel bekannter Interpreten, muss er zuvor ein „Demo“ an den Verlag schicken und um die Rechte bitten.

Phil Collins, Billy Idol, David Bowie

Etwa 60 bis 80 Stunden sind für die Produktion einer Kürmusik zu veranschlagen - manchmal auch mehr. Wie viel sie kostet, hänge vom Aufwand ab. „Wir haben für Olympiasiegerin Isabell Werth mal ein David Bowie-Medley produziert, an dem 14 Musiker mitgewirkt haben. Da kam dann schon ein fünfstelliger Betrag zustande“, verrät Heidecke. Mit Isabell Werth haben er und sein Mitstreiter auch schon EM-, WM- und Olympia-Medaillen gewonnen.

Zurzeit arbeitet der Mülheimer an einem Hörspiel, einen weiteren Reiter-Auftrag hat er bereits beendet: die Kürmusik für eine Dressurreiterin aus Singapur, die an den Paralympics teilnimmt.