Mülheimer Politik fährt ab auf Rokittas „Geile Meile“

Mirco Stodollick
So sieht die „Geile Meile“ des mehrfach ausgezeichneten Designers Hermann Rokitta im Entwurf aus.
So sieht die „Geile Meile“ des mehrfach ausgezeichneten Designers Hermann Rokitta im Entwurf aus.
Foto: WAZ

Mülheim. „Wer Visionen hat“, hat Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt einmal gesagt, „sollte damit zum Arzt gehen.“ Der Mülheimer Designer Hermann Rokitta aber tourt mit seinen Utopien zur Belebung der Innenstadt durch selbige, auch die Ratspolitik hat er für seine Ideen zu gewinnen versucht. Mit Erfolg: Einstimmig forderte der Planungsausschuss die Verwaltung auf zu prüfen, ob die Utopie von der „Geilen Meile“ zu realisieren ist und auf der alten Güterbahnstrecke der Rheinischen Bahn ein ausrangierter ICE für Gastronomie und Gründer platziert werden kann.

Was schwebt Rokitta vor? Im Idealfall sollen in Zukunft 30 von der Bahn aussortierte ICE-Wagen auf der alten Güterbahntrasse Platz finden, der Antriebswagen mitten auf der Brücke über der Ruhr. Cafés, Kneipen, zwei Schlafwaggons für Radtouristen – vor allem aber sollen an der „Geilen Meile“ junge Existenzgründer eine bezahlbare Möglichkeit finden, ihre Geschäftsideen zu entfalten. Nicht Zugbegleiter sollen ihnen dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen, sondern Wirtschaftssenioren. Rokitta ist überzeugt: Die alte Bahntrasse sei „ein guter Platz für pubertäre Unternehmen“.

30 Wagen lang soll „die längste Einkaufsmeile der Welt“ werden, „emotionale Anziehungskraft“ gerade für junge Menschen entwickeln, für die die City im alternden Mülheim sonst kaum was zu bieten habe. Dass der Regionalverband Ruhr dort den Ruhrradschnellweg entlangführen will, hält Rokitta für kein großes Problem – „auf der Brücke ist Platz genug, vielleicht muss man im weiteren Verlauf den Wall aufschütten“.

Die City soll für Junge attraktiv werden

Rokitta entwickelte Ideen zusammen mit Jugendlichen. Er sprach bei der SPD vor, später im Planungsamt, er hält Vorträge im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Schlimm-City“, belegt mit seiner „Geilen Meile“ und anderen City-Utopien ein Ladenlokal beim Schaufenster-Wettbewerb. Er spürt „Begeisterung der Leute, so was Aufregendes zu machen“. Mitten im Ruhrgebiet, wo immer so tief gestapelt werde. Rokitta will „die Jugend animieren, ihre Stadt zu entwickeln“. Die City müsse Anziehungskraft für die junge Generation entfachen, sonst entstehe nun mal: Fliehkraft.

Mülheims Politik ist nicht weggelaufen vor Rokittas Pubertät zu denken, was kaum denkbar scheint. Auf Initiative der SPD forderte der Planungsausschuss am Dienstag die Verwaltung auf, die Chancen für eine Realisierung der – Ausschussvorsitzender Dieter Wiechering (SPD) mochte die Worte gar nicht in den Mund nehmen – „Geilen Meile“ auszuloten. Verträgt sich das Projekt mit dem Ruhrradschnellweg? Welche planungsrechtlichen Voraussetzungen sind für eine Realisierung nötig beziehungsweise zu schaffen?

"Es gibt keine ausrangierten ICE"

„Eine interessante Idee“, findet immerhin ein Sprecher des Regionalverbandes. Man werde, wenn aufgefordert, die Vereinbarkeit mit dem Radweg prüfen. Planungsdezernentin Helga Sander konnte sich das Schmunzeln nicht verkneifen, als die Politik ihrem Dezernat zusätzliche Arbeit verschaffte. Die Politik hat bestellt, die Verwaltung wird prüfen. Einen Hinweis gab sie der Politik aber: Man möge doch bedenken, dass auf der Trasse nicht mal mehr Schienen verlegt seien . . .

So würde es äußerst kostspielig, alte Bahnwagen zum Bestimmungsort zu transportieren. In Frage käme nur ein Schwerlasttransport mit aufwändigen Straßensperrungen. Die Schwergewichter müssten dann per Kran auf die Trasse gehievt werden. Hinzu käme eine ebenso kostspielige Investition in ein standsicheres Fundament auf der alten Bahntrasse samt Schotter und Gleisjoch. Ganz zu schweigen von der Frage, ob die alte, denkmalgeschützte Ruhrbrücke überhaupt jene Dauerlast aushalten könnte.

Und dann ist da noch die Beschaffungsschwierigkeit: „Es gibt gar keine ausrangierten ICE“, so ein Bahnsprecher. Der erste ICE sei ja erst 1991 auf die Strecke gegangen, jeder verfügbare Wagen werde dringend gebraucht. Die einzige Möglichkeit sei, auf ältere Reise- oder Speisezugwagen der Deutschen Bundesbahn zurückzugreifen. Kostenpunkt für gut erhaltene Wagen aus den 60er und 70er Jahren: 30- bis 40 000 Euro. Pro Stück.

Die Stadtverwaltung wird dies jetzt zu prüfen haben.