Mülheimer Hundeschulen wollen  weiter im Wald trainieren

Katja Bauer
Auf Waldwegen dürfen die Hunde frei laufen, sofern sie abrufbar sind. Das unter realen Bedingungen zu üben, finden Trainer wie Halter unverzichtbar. 
Auf Waldwegen dürfen die Hunde frei laufen, sofern sie abrufbar sind. Das unter realen Bedingungen zu üben, finden Trainer wie Halter unverzichtbar. 
Foto: FUNKE Foto Services
Nach der Ankündigung der Mülheimer Stadtverwaltung, Training mit Vierbeinern im Wald nicht mehr zu dulden, wehren sich Hundetrainer und Hundehalter.

Mülheim. Alfons, Elliott, Soraya und die anderen Vierbeiner streunen über den Waldweg – ohne Leine wohlgemerkt. Laut Landesforstgesetz dürfen sie das, sofern sie jederzeit abrufbar sind. Dass die vierbeinige Truppe dieses Kommando beherrscht, stellen sie beim Übungsspaziergang unter Beweis. Gelernt haben Alfons, Elliott, Soraya und die anderen das in der Hundeschule „Hunde verstehen lernen“ von Dirk Jörgens.

Der Mülheimer, der seine Hundeschule in Kettwig betreibt, ist einer der Hundetrainer, gegen die die Stadt Strafverfahren angestoßen hat, weil sie mit Kunden samt Hunden in Mülheimer Wäldern trainieren. Für August ist die Gerichtsverhandlung anberaumt. Die Stadt will eine gewerbsmäßige Nutzung von Waldflächen nicht mehr dulden. Als Begründung nannte Umweltdezernent Peter Vermeulen Anfang der Woche, dass der Wald beruhigt werden müsse.

Hundetrainer wie Dirk Jörgens sind verärgert über diese Ankündigung. Jörgens, nach eigener Aussage Betreiber einer der größten Hundeschulen der Region mit regelmäßig rund 700 Kunden, will für seinen Berufsstand sprechen: „Viele andere haben Angst, die Erlaubnis für ihre Hundeschule zu verlieren, wenn sie sich wehren.“ Er sieht seine Aufgabe auch darin, Hunde in ihrem alltäglichen Umfeld auszubilden: „Trainiert man mit den Hunden auf dem Platz, klappen die Übungen und der Gehorsam nach einiger Zeit gut. Bei den vielen Reizen im Wald sieht das aber schon ganz anders aus.“ Der Hund müsse so ausgebildet sein, dass er in allen Triebvarianten abrufbar sei, lautet Jörgens Ansatz. Wenn man das Training im Wald verbiete, ist Jörgens sicher, liefen nur noch unerzogene Hunde durch den Wald. Ein solch unerzogener Hund, das war Soraya.

Soraya hat das Reh nicht gejagt

Die inzwischen siebenjährige Hündin, die ihre Besitzer vom Tierschutz übernommen haben, ist ein Mischling aus verschiedenen Jagdhunderassen und hatte einen entsprechenden Jagdtrieb. „Außerdem hat sie alles gestellt und verbellt, sobald sie vor der Haustür war“, erinnert sich Frauchen Denise. Rund zwei Jahre haben die 28-Jährige und ihre Mutter regelmäßig mit Soraya unter der Anleitung von Jörgens Hundeschule trainiert. „Letztens sind wir einem Reh begegnet – und wir konnten sie problemlos abrufen“, erzählt Denise. Die junge Frau ist überzeugt: „Das konsequente Training im Wald – unter realen Bedingung – hat den Erfolg gebracht. Das war die einzige Möglichkeit, den Hund so weit zu bringen. Sonst hätte er sein Leben lang an der Leine laufen müssen.“ Elliott, ein etwa anderthalbjähriger Lagotto Romagnolo-Rüde, ist das komplette Gegenteil. „Er liebt alle – Hunde wie Menschen, vor allem Kinder“, sagt seine Halterin Sarah Kühn-Krasicki. Den Überschwang ihres Rüden habe sie durch das Training in Umgebungen mit starken Reizen in den Griff bekommen.

Auch bei dem Übungsspaziergang durch den Raadter Wald gehorchen Soraya, Elliott und die anderen vorbildlich. Kommt der Gruppe an anderer Waldbesucher entgegen, rufen die Halter ihre Hunde heran, lassen sie Sitz machen und den Gegenverkehr passieren. Eine Joggerin bedankt sich für das rücksichtsvolle Verhalten und läuft ohne Störung durch die Hundegruppe, eine Familie mit Kinderwagen und drei Hunden nickt anerkennend. Am Wegesrand sitzen Michael Lewald und Bianka Giezenaar auf einem Baumstamm, lassen ihre eigenen Hunde im Schatten verschnaufen und beobachten die Übungen der Hundeschule.

Gerichtsverhandlung steht bevor

Als Hundehalterinnen haben sie von der Diskussion über das Wald-Verbot für Hundeschulen gehört. Bianka Giezenaar fragt verwundert: „Wo sonst sollen die Hunde das denn lernen?“ Die Hundehalter, die beim Übungsspaziergang mitmachen, stimmen zu.

Der Gerichtsverhandlung blickt Hundetrainer Jörgens übrigens gelassen entgegen. „Es fehlt der Stadt die Rechtsgrundlage, um uns das Training im Wald zu verbieten“, sagt Jörgens. Seine Anwälte hätten ihm bescheinigt, dass es kein Gesetz gebe, das das Training von Hundeschulen im Wald verbiete.

Hundetrainerin vermisst Lösungsansatz bei der Stadt

Von der Vorgabe der Stadt, keine Hundeschulen mehr in den Mülheimer Wäldern dulden zu wollen, ist auch Sabrina Dargel, die die Hundeschule Fellnase 24 betreibt, betroffen. Auch Sabrina Dargel ist der Meinung, dass Hunde unter Realbedingungen trainieren müssen, um im Alltag zu gehorchen.

In ihren Augen ist der Ansatz der Stadt zu kurz gedacht: „Das Training in der Hundeschule dauert oft nur eine Stunde in der Woche. Die Halter gehen aber die restliche Zeit mit ihren Hunden trotzdem in Wälder. Nur bekämen sie bei einem Wald-Verbot der Hundeschulen keine Anleitung mehr, wie man in Situationen, die dort auftreten, reagieren sollte.“ Die Hundetrainerin und Grundschullehrerin zieht einen Vergleich: „Auf dem Weg zum Führerschein würde auch niemand auf die Idee kommen, die Fahrstunden nur auf dem Verkehrsübungsplatz stattfinden zu lassen und darauf basierend dann einen Führerschein auszustellen. Selbst für die Fahrradprüfungen an Grundschulen hat man erkannt, dass Üben im realen Straßenverkehr effektiver ist, als das Üben in den Jugendverkehrsschulen.“

Dass Mülheim für Hundeschulen, die mobil unterwegs sind, ein schwieriges Pflaster ist, hat Sabrina Dargel bereits erlebt. Sie sei von Mitarbeitern des Ordnungsamtes des Platzes verwiesen worden, als sie mit Kunden auf der Wiese am Theater trainierte, berichtet die Essenerin. „Dafür kamen an einem Samstag vier Leute vom Ordnungsamt raus“, wundert sie sich. Wenn die Mülheimer Verantwortlichen forderten, dass Hunde die Umwelt nicht stören dürfen, skizziert Dargel, stelle sich die Frage, welche Maßnahme den effektiveren Umweltschutz darstelle: Das Verhängen von Strafgeldern oder präventive Aktionen wie Schulung von Halter und Hund, damit es zu keinen Störungen komme. „Sicher können Strafgelder dazu führen, dass Hundehalter und Hundeschulen bestimmte Orte meiden. Sie führen aber nicht dazu, dass es weniger Hunde gibt und somit auch nicht weniger Bedarf an Hundetraining.“ Die Hundetrainerin gibt zu Bedenken: „Einen vernünftigen Lösungsansatz durch die Verantwortlichen gibt es nicht. Sie stellen nur fest, dass sie etwas nicht wollen, nicht aber, was dies zur Folge hat.“