Mülheimer erobern den Radschnellweg

Mirco Stodollick

Mülheim sehnt die Eröffnung des neuen Rad- und Fußweges auf der Trasse der „Rheinischen Bahn“ herbei: Schon jetzt, da die Strecke erst am 27. November offiziell eröffnet wird, tummeln sich dort Radfahrer, Spaziergänger, Menschen auf Rollerblades und in Jogging-Schuhen.

An der Rampe, die am Frohnhauser Weg den neuen Rad- und Fußweg mit der Essener Grugatrasse verbindet, beginnt die Tour. Oben auf der „Rheinischen Bahn“ angekommen, weist der Weg ostwärts 6,3 Kilometer in die Essener Innenstadt aus, westwärts geht es in hauchzartem Gefälle über Heißen gen Mülheim-City (5,8 Kilometer). Der Asphalt ist so frisch, dass das Gummi der Fahrradreifen beständig surrt. Links, per schmalem Schotterstreifen getrennt von der „Radautobahn“: der Fußweg. Rechts der Radschnellweg. Sechs Meter breit. An der Inselstraße ist der erste ebengleiche Anschluss angelegt – an dessen Ende liegt der Gartenverein Grüne Insel ein wenig im Dornröschenschlaf. Wie wär’s, wenn Freizeitaktivisten hier eine Rast einlegen könnten bei einem kühlen Blonden oder Kaffee und Kuchen? Das im Schatten der alten Gleistrasse liegende, jetzt nicht mehr so verborgene „Milandy“ hätte sicher auch Charme als Raststätte, aber. . . Weiter geht’s: Immer wieder säumen wild gewachsene Birken die Trasse – mit dem Schotter und hier und da Althölzern, die kleine Biotope am Wegesrand begrenzen, ein Gesamtbild mit Anstrich von Industriekultur. Weit reicht der Blick. Oft liegt viel Freiraum neben der Trasse. Manchmal könnten gerne noch ein paar Bänke zur Pause einladen. Schon bald ist die Graffiti-verschmierte Hardenbergbrücke in Sicht, über die sich der Verkehr der A 40 lärmend fortbewegt. Unten ist es himmlisch: frische Luft, rauhe, aber doch charmante Idylle. Da stören auch nicht die nach dem Styrumer Stellwerkbrand ohnehin selten vorbeifahrenden Züge kaum.

Wenn sich plötzlich eine Schneise auftut

So ist das, wenn sich plötzlich eine Schneise für die Öffentlichkeit auftut: Auf manch einem Grundstück, auch auf dem Hinterland, könnte doch mal aufgeräumt werden – nicht immer ein schöner Anblick am Wegesrand. Die nächste Brücke, die „blaue“ am Eppinghofer Bruch: Hier hat Radweg-Bauherr RVR auf eine befahrbare Rampe als Anschluss verzichtet, zu kostspielig wäre diese geworden am steilen Hang. Nur 250 Meter weiter gibt es aber die nächste ebenerdige Zufahrt an der Leybankstraße. Ach, wäre es schön, wenn der Biergarten des verfallenen Winkhauses noch geöffnet wäre. . .

Schlag auf Schlag gen Innenstadt. Die knapp sechs Kilometer sind auch für Untrainierte im Nu bewältigt, stadtauswärts wird es bei leichter Steigung anstrengender. Vorbei an der alten Malzfabrik Kotthaus und Bruchhaus, sind bald der Hauptbahnhof und die markanten City-Hochhäuser in Sicht. Zur Eppinghofer Straße ist eine Treppenanlage angelegt. Noch ist sie mit Baustellenzaun abgesperrt, doch das kümmert die wenigsten: Da quetschen sich gerade mal wieder ein paar junge Männer mit ihren Rädern durch den Zaunspalt, den sie aufgetan haben. Mülheim erobert sich seine Freizeitroute.

Das gleiche Bild nur 100 Meter weiter auf der anderen Seite der Brücke. Hier parkt ein großer Löffelbagger, den Löffel extra an die Ketten gefahren, um den Durchgang zum Bahnviadukt und Richtung Ruhr zu versperren. Vergebene Müh’: Auch hier klettern die Schaulustigen durch, selbst mit Rad. Da quälen sich Rennräder durch groben Schotter, als wenn es kein Morgen geben würde, wenn auch dieser Teil des Radweges als Hochpromenade gebaut sein wird.

Einiges hinter dem Bagger, an der Rampe zur Straße „Am Löwenhof“, unterhält sich ein Senior angeregt mit Radweg-Pionieren. Es ist Karl-Heinz Sebold vom gleichnamigen Broicher Fahrradgeschäft an der Hochschule, der da seine Neugier gerade stillt und gleich mal hofft, dass die Stadt doch noch eine technische Lösung findet für eine Rampe direkt zum Rathausmarkt und zu Ruhrbania. Das nämlich, so Sebold, könne von ganz großem Nutzen für die Kunden und Händler der Innenstadt sein. Wenn in Zukunft der schnelle Einkauf per Rad möglich werde.