Mülheimer erlebte 1945 gefährlichen Heimweg aus Tschechien

Die Reiseroute von
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Foto: wnm
Horst-Dieter Pollmeier (82) kehrte am 10. Juni 1945 aus der Kinderlandverschickung zurück nach Mülheim. Die mühsame Reise dauerte zwei Monate.

Mülheim.. Horst-Dieter Pollmeier berichtet über seine Heimkehr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Es war der 9. April 1945, als wir fluchtartig vor der sich nähernden Ostfront aufbrachen. Nach eindreiviertel Jahren im Kinderlandverschickungs-Lager Neureisch (tschechisch heute: Nová Říše) im Protektorat Böhmen und Mähren ging es für rund 100 Jungs zurück nach Deutschland. Zunächst führte unser Weg mit dem Zug nach Prag, wo wir einige Tage in einem Heim der Hitlerjugend verbrachten und uns die Stadt ansahen.

Von dort ging es weiter nach Schüttenhofen (heute: Sušice), dem letzten Ort vor der deutschen Grenze. Dort verbrachten wir zwei Tage in einer Schule. Der Hunger war unser ständiger Begleiter – ich habe damals mein Briefmarkenalbum gegen vier Schnitten Brot getauscht. Kleidungsstücke und Schulbücher ließen wir zurück, um mit leichterem Gepäck den Fußmarsch durch den Bayrischen Wald in Richtung Deutschland anzutreten.

90 Kilometer bis nach Bayern

Auf dem 90 Kilometer langen Weg wurden unser Restgepäck und die Fußkranken mit einem Ochsenkarren transportiert. Nach mehreren Tagen Fußmarsch hatten wir kurz vor dem kleinen, bayrischen Ort Frauenau eine Begegnung mit einem russischen Tiefflieger. Wir schmissen uns alle ins Gebüsch, bis die Gefahr vorüber war. In Tschechien waren kurz nach unserem Abmarsch aus Neureisch zwei Kinder bei einem solchen Angriff umgekommen.

Anfang Mai erreichten wir Frauenau, das von den Amerikanern besetzt war. Wir waren total erschöpft. Frauenau sollte für vier Wochen unser Notquartier sein. Wir wurden in einem ehemaligen Kinosaal untergebracht. Geschlafen wurde auf Strohsäcken, aber das waren wir vom Lager her gewohnt. Wir mussten allerdings die ganzen vier Wochen in unserer Jungvolk-Uniform schlafen, stanken wie die Pest und hatten Kleiderläuse.

Der Hunger war ständiger Begleiter

Ein Schwerpunkt in unserem Tagesablauf war die Verpflegung. Außer einem Sack mit Erbsmehl und etwas Zucker und Marmelade hatten wir keine Vorräte. Zur Bewachung dieser Schätze hatte ein Lehrer seinen Strohsack vor diesen Kostbarkeiten deponiert. Vom örtlichen Bäcker erhielten wir täglich eine Ration Brot. Immer als er diese einpackte, haben die Kleineren von uns weitere Laibe stibitzt. Darüber schmunzeln wir bei unseren jährlichen Klassentreffen noch heute.

Täglich frisch sammelten wir in den umliegenden Wäldern junge Brennnesseln. Auf den Feldern „sammelten“ wir Kartoffeln für Pellkartoffeln mit Spinat. Es schmeckte gut und hatte nach dem Genuss eine durchschlagende Wirkung. Hin und wieder bekamen wir vom Metzger im Dorf einen Kessel mit Wurstbrühe. So konnte unsere Lagerschwester, die wir nur „Besen“ nannten, eine halbwegs schmackhafte Suppe kochen.

Nach vier Wochen gelang es unserem Englischlehrer, von den Amis zwei Militär-Lkw zu bekommen, die uns zum Bahnhof Straubing bringen sollten. Der zuständige amerikanische Offizier hatte wohl ein Herz für uns. Am 6. Juni ging es endlich los. In Straubing standen mehrere offene Waggons bereit. Einer davon war für uns bestimmt. In ihm war vorher Kohle transportiert worden, so dass wir alle pottschwarz wurden. Im nächsten Waggon saßen deutsche Soldaten, die in die Gefangenschaft gebracht wurden. So verlief unsere zweitägige Fahrt bis Bonn.

Mit dem Lkw bis zum Rathausplatz

Dort standen wieder Militär-Lkw bereit für die Fahrt nach Mülheim. Die Rückkehr war überwältigend. Wir stiegen am 10. Juni auf dem Rathausmarkt vom Lkw ab und waren von dem Gefühl, wieder da zu sein, überwältigt. Unser Biologielehrer „Opa Klinkert“ wollte unsere Truppe antreten lassen und an die Amerikaner „übergeben“. Der zuständige Offizier antwortete in gebrochenem Deutsch: „Du jetzt nix mehr Kommando. Kinder gehen nach Hause.“

Dass wir wirklich wieder zuhause waren, wussten unsere Eltern aber gar nicht, weil wir während der Reise keine Briefe schicken konnten. Ich bin dann nach Hause gelaufen und war überglücklich, meine Eltern wieder in die Arme schließen zu können.

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