Mülheimer Edeka-Händler verkauft Gemüse mit Schönheitsfehlern

Bei diesen flotten Karotten hat nicht die Natur verrückt gespielt, sondern Gemüseschnitzer waren am Werk.
Bei diesen flotten Karotten hat nicht die Natur verrückt gespielt, sondern Gemüseschnitzer waren am Werk.
Foto: Knut Vahlensieck
Obst und Gemüse, das nicht den Anforderungen an Wuchs und Größe genügt, wird normalerweise aussortiert und endet als Tierfutter. Nun startet der in Mülheim ansässige Edeka-Händler ein Pilotprojekt. Unter dem Motto "Keiner ist perfekt" sollen solche Erzeugnisse nun auch im Handel angeboten werden.

Mülheim. Kaum sind die Kartoffeln vom Acker, beginnt ein strenges Ausleseverfahren. Zu mickrige oder zu dicke Knollen fallen in der Sortiermaschine durch und kommen gar nicht erst in den Handel. „In diesem Jahr haben wir sehr hohen Ausschuss“, sagt Christiane in der Beek-Bolten, die mit ihrem Mann den Dümptener Bauernhof führt. „Wegen der großen Trockenheit waren viele Kartoffeln zu klein.“

Was passiert mit ihnen? „Sie wandern in den Futtertrog für die Kühe.“ Zusammen mit Artgenossen, die einen Riss oder eine grüne Stelle aufweisen, aber ansonsten genießbar wären. Kartoffeln, die nicht der Norm entsprechen, billiger zu verkaufen, funktioniere leider nicht, hat die Landwirtin beobachtet. „Dadurch, dass wir so streng sortieren, sind unsere Produkte auch sehr begehrt.“

Erdbeeren in drei Kategorien sortiert

Bei Erdbeeren sei es etwas anders: „Unsere Pflücker sind angehalten, in drei Kategorien zu sortieren.“ Neben den formschönen, unversehrten Früchten biete man auch „Marmeladenkörbe“ an, zweieinhalb Kilo zum Sonderpreis von fünf, sechs Euro. „Die werden gerne genommen“, sagt Christiane in der Beek-Bolten, „beispielsweise auch von Schulen.“

Diesem Prinzip folgt nun auch ein Pilotprojekt, das die Handelsgruppe Edeka startet. Unter dem Motto „Keiner ist perfekt“ sollen in einem separaten Bereich der Obst- und Gemüseabteilungen vier Wochen lang Erzeugnisse angeboten werden, die nicht der höchsten Handelsklasse entsprechen. Ungewöhnlich krumme Gurken, zweibeinige Möhren, seltsam geformte Kartoffeln, Zwiebeln oder Äpfel. Der Preis soll unter dem der regulären Ware liegen.

Am Versuch beteiligt sich ab nächster Woche auch die Firma Edeka Paschmann mit Sitz in Mülheim, zu der insgesamt neun Märkte gehören. Mitmachen werde eine Düsseldorfer Filiale, teilt Inhaber Heinz Wilhelm Paschmann mit. „Wir finden die Idee gut und wollen testen, ob es so einen Trend gibt.“

„Wenn Äpfel eine kleine Macke haben, kauft sie keiner mehr“

Falls ja, wäre dies für den Geschäftsmann tatsächlich eine neue Erfahrung. Bislang habe er stets festgestellt: „Wenn Äpfel eine kleine Macke haben, kauft sie keiner mehr. Auch nicht für weniger Geld. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kunden ihr Verhalten ändern.“

Sicher hängt dies auch vom Preis ab. Der Mülheimer Landwirt Hermann Terjung berichtet, er habe früher bei der Kartoffelernte auch eine B-Sortierung angeboten, mit weniger schönen, leicht lädierten Knollen, die von bestimmten Kunden auch gekauft worden sei. Nun nicht mehr: „Derzeit gibt es keinen Markt dafür“, so der Bauer. „Wenn die Discounter das Kilo für 99 Cent anbieten, muss ich nicht extra sortieren.“ Und: „Ich persönlich würde B-Ware auch nur mit entsprechendem Preisabschlag kaufen.“

Pilotprojekt „Keiner ist perfekt“

Das vierwöchige Pilotprojekt „Keiner ist perfekt“ soll ausdrücklich eine Initiative gegen Lebensmittelverschwendung sein und startet bundesweit in vier Edeka-Großhandelsbetrieben, auch im Bereich Rhein-Ruhr. Außerdem werden einige ausgewählte Netto-Discount-Märkte daran teilnehmen.

Die Testmärkte bieten nach Angaben der Edeka-Zentrale verschiedene Obst- und Gemüseartikel zum Sonderpreis an, „die von der Norm abweichen“, überwiegend aus deutschem Anbau.

Nach Auswertung der Ergebnisse will man über eine mögliche Ausweitung entscheiden.

 
 

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