Mülheimer Chirurg operiert in 3600 m Höhe

Bettina Kutzner
Bei der Arbeit: Dr. Jürgen Toennissen (links) und sein Team.
Bei der Arbeit: Dr. Jürgen Toennissen (links) und sein Team.
Foto: privat
Der plastische Chirurg Dr. Jürgen Toennissen aus Mülheim hat gerade im Himalaya in einem Team aus sieben medizinischen Experten verbrannte und entstellte Menschen operiert. Drei humanitäre Einsätze pro Jahr macht er für den Verein „Interplast Germany“.

Mülheim. Der Mülheimer Chirurg Dr. Jürgen Toennissen bekommt bei seinen Auslandseinsätzen viel zu sehen, was er aus seiner Praxis in Deutschland so nicht kennt: schwere, nicht richtig behandelte Verbrennungen, Gaumen- und Rachenspalten, Missbildungen im Gesicht. In einem Team aus insgesamt sieben medizinischen Experten war er gerade wieder in einem entlegenen Teil der Welt in humanitärer Mission unterwegs: um für den Verein „Interplast Germany e.V.“ Menschen zu helfen, die missgebildet geboren oder bei einem Unfall entstellt wurden.

Dr. Toennissen ist im Ruhestand, doch schon während seiner Berufstätigkeit als Chefarzt der Plastischen Chirurgie im Oberhausener St. Barbara Hospital hat er auf seine Einsätze im Ausland nicht verzichtet. Seit 1987 reist der heute 74-Jährige – derzeit dreimal im Jahr – für Interplast durch die Welt, hat in Sumatra operiert und in Thailand, war in Sri Lanka und Pakistan, in Namibia, Madagaskar, in Kamerun. Und immer wieder auf dem indischen Kontinent. Vor gut zwei Wochen ist Jürgen Toennissen aus Ladakh zurückgekehrt, einer entlegenen, dünn besiedelten und hochgebirgigen Region im Nordwesten Indiens.

Nach der OP auf den Boden

In der Hauptstadt Leh auf 3600 Metern Höhe gibt es ein Kloster mit Alten- und Kinderheim sowie eine Blindenstation, berichtet der Mülheimer, sowie ein verwaistes Krankenhaus, weil der einzige Arzt dort schon vor fünf Jahren in Rente ging.

Dr. Jürgen Toennissen hat dort, unterstützt von zwei Kolleginnen, einem Anästhesisten, einem Anästhesiepfleger sowie zwei OP-Schwestern gerade wieder 90 Patienten untersucht und 40 davon operiert, dabei überwiegend Kinder wie ein kleines Mädchen mit einer quer verlaufenden Gesichtsspalte.

Es ist sein dritter Einsatz in Leh, und er kennt die Umstände: Nur in voller Bekleidung legt man sich auf den einfachen OP-Tisch, aufgewacht wird auf dem Boden, mit der Nachsorge werden Familienangehörige betraut. Wieder haben sich Patienten vorgestellt, die er zuvor erfolgreich behandelt hat, und sich bedankt. Mit Obst, mit Fruchtsäften, was kostbar ist für die Menschen, mit Gesten, die zu Herzen gehen.

Von morgens bis abends operiert

Die ungewohnte Höhe machte den Deutschen zu schaffen, zum Akklimatisieren blieb keine Zeit, denn sie haben jeden Tag genutzt und von morgens bis abends operiert. „Man braucht acht Tage, um sich umzugewöhnen, aber im Sitzen ging das“, so Dr. Toennissen. 20 Koffer extra hatten sie dabei, mit Verbrauchs- und Nähmaterial, mit Narkosemitteln und dem chirurgischem Ins­trumentarium.

Das darf ja nicht mehr ins Handgepäck, und leider ging der Koffer verloren, der ein wichtiges Gerät zum dünnen Schneiden der Haut enthielt, unverzichtbar für Transplantationen. Der Koffer ist später wieder aufgetaucht und steht nun beim nächsten Einsatz in 2015 in Ladakh zur Verfügung. Zuvor geht es aber im Herbst nach Srinagar in Kaschmir, auch dort gibt es für Dr. Jürgen Toennissen und sein Team reichlich zu tun.